Auch Arzneimittel für kurze akute Anwendungen können eher unerwartete psychiatrische Nebenwirkungen haben. Bei Fluorchinolonen liegt die Inzidenz bei bis zu 4 Prozent. Die Spannbreite reicht von Verwirrung, Ruhelosigkeit und Schlaflosigkeit bis hin zu Depression, Psychose und Manie. Auch das Suizidrisiko ist erhöht.
Für die psychiatrischen Nebenwirkungen könnte verantwortlich sein, dass die Antibiotika ins ZNS gelangen und dort wegen ihrer strukturellen Ähnlichkeit zu Gamma-Aminobuttersäure an GABAA-Rezeptoren binden und deren beruhigende Funktion blockieren können. Es gibt Hinweise, dass nichtsteroidale Antirheumatika (NSAID) diesen Effekt verstärken könnten (32–35).
Auswirkungen von Betablockern auf das zentrale Nervensystem werden kontrovers diskutiert. Lipophile Betablocker könnten in höheren Konzentrationen ins Gehirn gelangen und dort durch die Blockade zentraler Betarezeptoren Effekte wie Müdigkeit, depressive Verstimmung, verminderte Leistungsfähigkeit oder Lethargie hervorrufen. Die Nebenwirkungen könnten aber auch sekundäre Folgen der peripheren kardiovaskulären Effekte wie reduzierte Herzfrequenz, niedrigerer Blutdruck und verminderte Herzleistung sein. Die Evidenz bleibt uneinheitlich und widersprüchlich.
Manche Betablocker sind sogar gesondert zu betrachten; ein Beispiel ist Pindolol. Es kann an 5-HT1A-Rezeptoren binden und dadurch antidepressiv wirken.
Bei Betablockern lässt sich daher aus heutiger Sicht eher Entwarnung geben hinsichtlich Auswirkungen auf das Verhalten und die Persönlichkeit (36–39).
In der klinischen Praxis stellt sich bei Veränderungen der Persönlichkeit meist die Frage, ob diese auf die Medikation zurückgehen oder Ausdruck der Grunderkrankung selbst oder deren Progression sind. Eine falsche Zuordnung kann dazu führen, dass entweder eine wirksame Behandlung fälschlicherweise abgesetzt wird oder dass vermeidbare medikamentöse Nebenwirkungen unerkannt bleiben und sich verschlimmern.
Angesichts der ähnlichen Symptome, der Polymedikation vor allem bei Älteren und der möglichen gegenseitigen Verstärkung von Krankheit und Medikament ist die Abgrenzung oft schwierig. Persönlichkeitsveränderungen sind zudem oft graduell und subtil, sodass ein klarer Wendepunkt schwer zu erkennen sein kann.
Eines der wichtigsten diagnostischen Kriterien ist die zeitliche Assoziation zwischen Medikationsänderung und dem Auftreten von Symptomen. Wenn sich die Persönlichkeit kurz nach der Neueinstellung eines Medikaments, nach einer Dosissteigerung oder nach Hinzufügen eines Präparats verändert, spricht das für einen arzneimittelinduzierten Effekt. Apotheker können helfen, dies zu erkennen (Kasten, Seite 30).

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Das Apothekenteam kann durch seine Expertise und den oft regelmäßigen Kontakt zu Patienten früh Hinweise auf psychiatrische Nebenwirkungen erkennen. Bei Menschen unter einer Parkinson-Therapie können sie zum Beispiel Anzeichen auf impulsive Verhaltensstörungen erfragen und sollten Hinweise, etwa auf eine Spielsucht, ernst nehmen. Bei einem plötzlich verwirrten, zwanghaften oder ungewöhnlich euphorischen Zustand nach einer Chinolon-Gabe wird das Apothekenteam ebenfalls aufmerksam.
Angehörige kennen die Patienten am längsten und können oft am besten beurteilen, ob besondere Verhaltensweisen neu sind oder sich graduell entwickelt haben. Möglicherweise kommen auch sie mit ihren Sorgen und Beobachtungen in die Apotheke.
Eine strukturierte Medikationsanalyse, bei der die gesamte Medikation einschließlich rezeptfreier Präparate eines Patienten systematisch auf Sicherheit, Wirksamkeit, Interaktionen und Nebenwirkungen überprüft wird, kann dazu beitragen, Zusammenhänge mit der Medikation aufzudecken. Apotheker behalten die anticholinerge Gesamtlast im Auge, identifizieren Medikamentenkombinationen, die synergistische Nebenwirkungen haben könnten, und decken zeitliche Zusammenhänge zwischen Medikationsänderungen und Symptombeginn auf. Sehr oft können sie alternative Therapieoptionen mit günstigerem Nebenwirkungsprofil vorschlagen.
Pharmakologisch bedingte psychische Nebenwirkungen können außerdem eine Dosisabhängigkeit zeigen, etwa bei Glucocorticoiden, Dopamin-Agonisten oder anticholinergen Medikamenten.
Das vielleicht überzeugendste Kriterium für einen arzneimittelinduzierten Effekt ist die Reversibilität nach Dosisreduktion oder Absetzen des verdächtigten Medikaments. Im zweiten Fall ist zu beachten, dass Absetzphänomene ebenfalls die Persönlichkeit beeinflussen können. Bei chronischen Erkrankungen kann sich die Grunderkrankung wieder verschlechtern – auch das erschwert die Beurteilung. Manche medikamentös induzierten Effekte sind möglicherweise nicht vollständig reversibel, etwa Demenz bei langfristiger anticholinerger Exposition.
Ein Absetzversuch sollte immer nur unter ärztlicher Aufsicht und nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen. In manchen Fällen kann ein Wechsel auf ein alternatives Medikament mit ähnlicher therapeutischer Wirkung, aber anderem Nebenwirkungsprofil eine Option sein.