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Persönlichkeitsstörungen
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Wenn Medikamente das »Ich« verändern

Psychiatrische Nebenwirkungen von Medikamenten sind eine besondere Herausforderung. Ethisch stellt sich die Frage, wie weit eine Therapie in das »Ich« eingreifen darf. Wie hoch darf der Preis für die Therapie sein?
AutorKontaktNicole Schuster
Datum 12.04.2026  08:00 Uhr

Das Paradoxon der Enthemmung

Benzodiazepine wirken primär sedierend und anxiolytisch – bei einem Teil der Patienten aber genau gegenteilig (Tabelle 1). Die Substanzen wirken agonistisch auf das hemmende GABA-System, können aber als »paradoxe Reaktionen« auch erhöhte Gesprächigkeit, emotionale Enthemmung, Erregung, übermäßige Bewegung oder gesteigerte Angst auslösen. In extremen Fällen wurden sogar gewalttätiges und selbstverletzendes Verhalten sowie körperliche Aggression berichtet.

Paradoxe Reaktionen auf Benzodiazepine treten in der Allgemeinbevölkerung bei weniger als 1 Prozent der Patienten auf. Im hohen oder sehr jungen Alter sowie bei Risikokonstellationen wie Alkoholabhängigkeit, degenerativen ZNS-Erkrankungen oder bestimmten Persönlichkeitsstörungen wie Borderline steigt die Häufigkeit an.

Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass durch die anxiolytischen Effekte die Zurückhaltung abnimmt, die normalerweise das soziale Verhalten reguliert. Weiterhin könnte es sein, dass sich Betroffene nur noch eingeschränkt auf externe soziale Hinweise konzentrieren können, die angemessenes Verhalten leiten. Die Medikamente dämpfen dann nicht nur Angst und Anspannung, sondern auch die internen und externen Kontrollmechanismen, die das Verhalten normalerweise in sozial akzeptablen Bahnen halten (15–17).

Delir und kognitive Beeinträchtigung

Acetylcholin spielt eine wichtige Rolle bei Lern- und Gedächtnisprozessen. Anticholinerge Medikamente blockieren die Wirkung von Acetylcholin, indem sie dessen Bindung an Rezeptoren verhindern. Beispiele sind Antihistaminika (wie Diphenhydramin), trizyklische Antidepressiva oder Antiparkinson-Mittel.

Psychiatrische Auswirkungen anticholinerg wirksamer Medikamente können bis zum Delir reichen, mit Anzeichen wie Verwirrung, Desorientierung, Halluzinationen (einschließlich der Wahrnehmung nicht vorhandener Personen) und Gedächtnisverlust. In schweren Fällen können sie Krampfanfälle und Koma auslösen. Sie werden durch Acetylcholin-Mangel und Dopamin-Überschuss vermittelt, sowohl in absoluten Mengen als auch relativ zueinander.

Eine systematische Übersichtsarbeit mit 16 Studien und insgesamt 148.756 Personen ergab, dass Patienten mit Delir eine höhere anticholinerge Last (anticholinergic burden) hatten als solche ohne Delir mit einer dosisabhängigen Beziehung. Ein Maß für die anticholinerge Last ist der ACB-Score. Als klinisch relevant gilt die Last ab einem Score von 3, wobei zu bedenken ist, dass sich Medikamente in ihrer Wirkung unvorhersehbar verstärken können. Gründe für eine erhöhte Vulnerabilität im Alter sind vermutlich die verringerte cholinerge Aktivität und eine erhöhte Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke. Veränderungen in Metabolismus und Pharmakodynamik sowie Komorbiditäten sind weitere Einflussfaktoren (18–20).

Während akute anticholinerge Effekte nach Absetzen der Medikation in der Regel reversibel sind, mehren sich die Hinweise darauf, dass eine langfristige Exposition mit bleibenden kognitiven Schäden verbunden sein könnte.

Die Studie Adult Changes in Thought (ACT) verfolgte fast 3500 Männer und Frauen ab 65 Jahren über durchschnittlich sieben Jahre. Während dieser Zeit entwickelten 800 Teilnehmer eine Demenz. Menschen, die anticholinerge Medikamente bekamen, hatten ein höheres Risiko. Das Demenzrisiko stieg mit der kumulativen Dosis. Die Einnahme eines Anticholinergikums über drei Jahre oder länger war mit einem um 54 Prozent höheren Demenzrisiko verbunden als die Einnahme derselben Dosis über maximal drei Monate.

Weitere Studie bestätigen die Beziehung zwischen anticholinergen Medikamenten und dem Risiko für Demenz, kognitive Beeinträchtigung und kognitiven Abbau in der älteren Bevölkerung – vor allem bei längerer Exposition. Dabei könnte die chronische cholinerge Unterfunktion zu pathologischen Veränderungen im Gehirn wie bei der Alzheimer-Krankheit führen (12–23).

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