Die genauen Mechanismen, die zu emotionaler Abstumpfung führen, sind noch nicht vollständig verstanden. An die anhaltend erhöhte Serotonin-Konzentration könnten sich die Rezeptoren anpassen, etwa durch Desensibilisierung oder Down-Regulation der Rezeptordichte.
Zudem interagiert das serotonerge System eng mit anderen Neurotransmittersystemen wie dem dopaminergen System. Eine verstärkte serotonerge Aktivität könnte die dopaminerge Neurotransmission hemmen und dadurch die Fähigkeit beeinträchtigen, Freude und Belohnung zu empfinden. Inhibitorische Effekte von Serotonin auf impulsives Verhalten könnten auch so weit gehen, dass nicht nur pathologische Impulsivität gedämpft wird, sondern auch normale emotionale Spontaneität und Reaktivität. Die Balance zwischen notwendiger Impulskontrolle und gesunder emotionaler Ausdrucksfähigkeit könnte aus dem Gleichgewicht geraten.
Das zeigt, wie komplex und fein austariert die neurochemischen Grundlagen unserer Persönlichkeit und des emotionalen Erlebens sind und dass pharmakologische Interventionen weitreichende und nicht immer vorhersehbare Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten haben können (7, 8).

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Eine weitere gefürchtete Nebenwirkung von modernen Antidepressiva wie SSRI ist das Suizidalitätsrisiko (siehe Interview). Die wissenschaftliche Datenlage dazu ist komplex. Metaanalysen zeigen ein erhöhtes Risiko für SSRI und andere moderne Antidepressiva bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 25 Jahre und mögliche schützende Effekte bei älteren Patienten.
Das erhöhte Suizidalitätsrisiko tritt in den ersten ein bis zwei Monaten der Behandlung auf (9, 10). Als Mechanismus wird vorgeschlagen, dass in den ersten Behandlungswochen die Arzneimittel bei manchen Patienten zu Unruhe, Agitation, Angst, Schlaflosigkeit und innerer Anspannung führen können, bevor die antidepressive Wirkung einsetzt. Die erhöhte innere Spannung und enthemmende Wirkung könnten das Risiko für impulsive suizidale Handlungen erhöhen (11–14).