| Sven Siebenand |
| 01.06.2026 16:20 Uhr |
Durchfallerkrankungen sind sehr verbreitet. Es ist von mindestens 50 bis 80 Millionen gastrointestinalen Infektionen pro Jahr in Deutschland auszugehen – wahrscheinlich sind es noch deutlich mehr. / © GettyImages/ Lazy_Bear
»Durchfallerkrankungen sind sehr verbreitet«, sagte Professor Dr. Thomas Weinke aus Berlin beim Fortbildungskongress Pharmacon in Meran. Genaue Zahlen gebe es nicht, es sei von mindestens 50 bis 80 Millionen gastrointestinalen Infektionen pro Jahr in Deutschland auszugehen – wahrscheinlich noch deutlich mehr. Als wichtigste Erreger kommen dem Gastroenterologen und Infektiologen zufolge sowohl Viren als auch Bakterien infrage.
In die zweite Kategorie fallen Campylobacter-Bakterien. Campylobacter-Infektionen treten häufig zur Weihnachts- und Silvesterzeit auf, so Weinke. Der Grund: Raclette und Fondue mit rohem Hühnerfleisch. Hühnerfleisch sei zu 50 Prozent mit Campylobacter kontaminiert. Deshalb gelte es, tiefgefrorenes Geflügelfleisch ohne Verpackung im Kühlschrank aufzutauen (mit Schüssel zum Auffangen des Tauwassers). Verpackung und Auftauwasser sollten sorgfältig entsorgt und das Fleisch nicht mehr abgewaschen werden (wegen Spritzwasserrisiko). Die Hände sind danach mit warmem Wasser und Seife gründlich zu reinigen und das Fleisch muss für mindestens zwei Minuten bei 70 Grad Celsius durchgegart werden. Weinke informierte, dass viele Patienten nach einer Campylobacter-Infektion einen postinfektiösen Reizdarm entwickeln.
Zu den wichtigsten viralen Erregern für Durchfallerkrankungen zählen Noro- und Rotaviren. Weinke hofft, dass zukünftig Impfstoffe gegen Noroviren zur Verfügung stehen. Beispielsweise arbeitet die Firma Moderna an einer mRNA-basierten Norovirus-Vakzine. Gegen Rotaviren gibt es dagegen schon Impfstoffe. Seit 2013 empfiehlt die STIKO die Impfung für alle Säuglinge, um schwere Infektionsverläufe zu verhindern. Weinke: »Die Impfstoffe bringen einen Benefit, auch Herdenprotektion ist dadurch zu erwarten.«
Professor Dr. Thomas Weinke, Mediziner aus Berlin / © PZ/Alois Müller
Normalerweise heilen diese Durchfallerkrankungen innerhalb von drei Tagen von allein aus. Da der Körper aber Flüssigkeit und Elektrolyte verliert, ist es essenziell, diesen Verlust auszugleichen. Dafür sind laut Weinke orale Rehydratationslösungen zu empfehlen, Cola und Salzstangen nicht.
Loperamid könne bei Erwachsenen mit akuter Gastroenteritis ohne Fieber und ohne Blut im Stuhl für maximal zwei Tage verwendet werden. Anderen erhältlichen Antidiarrhoika – ob Kohle, Tannin oder Uzara – erteilte der Mediziner eine Absage. Sie sollen laut Leitlinie bei akuter infektiöser Gastroenteritis nicht zum Einsatz kommen. Ebenso sollen Probiotika bei akuter Gastroenteritis nicht angewendet werden. Antiemetika können bei Erwachsenen kurzfristig zum Einsatz kommen.
Und was ist mit Antibiotika? Oft sind diese nicht notwendig. Wenn ein Antibiotikum tatsächlich notwendig wird, dann rät die Leitlinie – nach Durchführung einer Erregerdiagnostik – zu Azithromycin (500 mg/d peroral für drei Tage oder 1000 mg peroral als Einmaldosis) als Mittel der ersten Wahl.
Weinke ging auch auf das Thema Prophylaxe ein. Als Schutz vor Reisedurchfall kenne man den alten Spruch »Cook it, boil it, peel it or forget it«. Dieser sei einfach zu merken, in der Praxis aber oft schwer umsetzbar. Hygienemaßnahmen könnten schließlich auch außerhalb der Kontrolle des Reisenden liegen. Dennoch sei eine möglichst gute Expositionsprophylaxe immer sinnvoll, besonders bei Risikopatienten, etwa jenen, die zu Durchfällen neigen, alten oder sehr jungen Menschen. Kaum vorhandene Evidenz gibt es laut dem Infektiologen für den Einsatz von Probiotika, Heilerde oder Homöopathika als prophylaktische Option.