Zum Masking gehört, wenn neurodivergente Personen eine Reizüberforderung unterdrücken. Das kostet viel Kraft. / © Getty Images/Klaus Vedfelt
Was wie souveränes Sozialverhalten wirken kann, ist für viele neurodivergente Menschen das Ergebnis intensiver Anpassung – in der Öffentlichkeit bekannt als Masking (deutsch: maskieren), in der Psychologie auch Camouflaging (deutsch: tarnen) genannt. Kurzfristig kann das entlasten. Langfristig kann es jedoch viel Energie kosten, sich ständig verstellen zu müssen, um in eine überwiegend neurotypisch geprägte Umwelt zu passen.
»Unter Masking versteht man das bewusste oder auch unbewusste Verbergen neurodivergenter Eigenschaften, um sozial besser dazuzugehören oder nicht aufzufallen«, so Sascha Reiners, psychologischer Psychotherapeut und stellvertretender Landesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung in Nordrhein. Der Begriff wird besonders häufig im Kontext von Autismus verwendet, allerdings berichten auch Menschen mit ADHS oder anderen Formen von Neurodivergenz von solchen Erfahrungen.
Es äußert sich laut Reiners vor allem darin, dass Betroffene soziale Regeln genau beobachten und nachahmen, Blickkontakt steuern, Gespräche einüben oder Reizüberforderung unterdrücken. Häufig entstehen feste Strategien oder innere »Skripte«. Auslöser sind oft frühe Erfahrungen: »Viele Betroffene haben erlebt, dass ihr natürliches Verhalten irritiert oder negativ bewertet wurde«, so Reiners.
In der Forschung werden unterschiedliche Begriffe wie Masking und Camouflaging verwendet, erklärt der Psychologe Johannes Boettcher. Er leitet die Arbeitsgruppe »Soziale Kommunikation und psychische Gesundheit« am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Gemeint ist der bewusste oder unbewusste Einsatz von Strategien, um autistische Merkmale zu verbergen oder soziale Schwierigkeiten auszugleichen.
Boettcher nutzt den Begriff Camouflaging ausschließlich im Kontext von Autismus, da dies den Schwerpunkt seiner Arbeit bildet. Gleichzeitig betont er, dass es sich nicht um ein rein autistisches Phänomen handelt: »Wir alle wollen irgendwie den Eindruck von uns so anpassen, dass wir bei dem Gegenüber gut ankommen. Und das macht dieses Konstrukt sehr schwierig.«
Ein wichtiger Unterschied bei Autisten sei, dass »sie eine hohe Motivation haben, in die nicht autistische Welt hineinzupassen«, so Boettcher. Camouflaging ist demnach keine willkürliche Handlung, sondern eine Reaktion auf eine Welt, die autistische Verhaltensweisen nur begrenzt akzeptiert – und keine Krankheit, sondern eine Anpassungsstrategie.