| Jennifer Evans |
| 30.10.2026 07:00 Uhr |
Auch Licht, räumliche Komplexität sowie Architektur von alten Herrenhäusern beeinflussen die Wahrnehmung. Gleichmäßige Beleuchtung, fehlende Schatten oder Stille stiften Verwirrung. Dunkelheit verstärkt den Effekt, da sie Informationen über Tiefe, Kontraste und Kanten reduziert. In dem Fall muss sich das Gehirn mehr anstrengen, um die Umgebung zu verarbeiten – die Aufmerksamkeit steigt, der Körper ist angespannt, das innere Gefahrenerkennungssystem ist aktiviert. Wenn sich dann die nächste Stufe nicht dort befindet, wo wir sie vermuten, kommt es zu einem Vorhersagefehler, der einen obendrein verunsichert.
Weitere Sinnesreize, die einen erschaudern lassen, seien Gerüche von Schimmel, Staub oder Verwesung, berichtet die inzwischen emeritierte Architekturprofessorin Beth Tauke von der Universität Buffalo in »National Geographic«. Evolutionär sei unser Gehirn geprägt, biologischen Verfall zu wittern. Außerdem könne ein Schrittecho das Gefühl von Isolation erzeugen und feuchte Luft Assoziationen mit dem Unterirdischen hervorrufen.
Noch dazu regen Ruinen oder leerstehende Räume die Vorstellungskraft an. Der Kopf versucht, die Informationslücken dieser Leere zu schließen und fragt sich: Was ist hier geschehen oder wer hat hier gelebt? »Das Gehirn erzählt sich selbst Geschichten, um die Ruine zu verstehen, und diese Geschichten neigen dazu, in Richtung Gefahr oder Verlust zu tendieren«, so Tauke.
Bei der Reaktion auf die gespenstische Atmosphäre kommen laut dem Magazinbeitrag aber auch uralte Instinkte ins Spiel. In leeren Sälen etwa hat das Gehirn kein leichtes Spiel, deren Größe abzuschätzen, um so Gefahrenquellen zu lokalisieren. Verzerrte Geräusche oder Echos machen das Orten noch komplizierter. Auf der anderen Seite erleichtern auch enge Flure die Lage nicht. Sie begrenzen nämlich unsere Fluchtmöglichkeiten und erzeugen auf diese Weise ebenfalls Stress.
Nach der sogenannten Prospect-Refuge-Theorie bevorzugen Menschen nämlich Umgebungen, die sowohl Übersicht als auch Schutz bieten. »Steile Absätze erinnern an Klippen, Hügel und sogar Fallen, in die man hineinfallen kann. Krümmungen und L-Formen versperren uns die Sicht auf Raubtiere. Das Fehlen von Geländern lässt auf einen Mangel an greifbarer Vegetation oder Felskanten schließen«, zitiert das Magazin Tauke.
Architekten und Neurowissenschaftler nutzen dieses Wissen seit Langem – allerdings im positiven Sinne. Zum Beispiel, um den Stress in Krankenhäusern, an Arbeitsplätzen oder an Verkehrsknotenpunkten durch mehr Orientierung zu reduzieren.