| Jennifer Evans |
| 30.10.2026 07:00 Uhr |
Unheimliche Orte verbinden Menschen oft mit Geistergeschichten. Das liegt daran, dass unser Gehirn falsche Vorhersagen trifft und so verunsichert wird. / © Shutterstock/Alexander Steamaze
Der Puls steigt, die Wachsamkeit wächst, das Sicherheitsgefühl schwindet – in manchen Gebäuden entsteht in Sekundenschnelle ein Spukgefühl, das uns in Alarmbereitschaft versetzt. Das kommt daher, dass unter anderem die Architektur unsere Wahrnehmung, Orientierung und Emotionen beeinflussen kann. Was in Gruselmomenten genau im Gehirn passiert, erläutern Forschende gegenüber dem Magazin »National Geographic«.
Generell ist unser Gehirn darauf ausgelegt, ständig vorherzusagen, was als Nächstes passiert. Dieser Prozess gehört zur sogenannten prädiktiven Verarbeitung. Das läuft in etwa so ab: Betreten wir ein unbekanntes Gebäude oder Zimmer, erstellt unser Kopf blitzschnell eine Karte der räumlichen Struktur. Wände, Ecken und andere Orientierungspunkte helfen ihm dabei, Position und Wege einzuordnen. Anschließend verknüpft das Gehirn diese Informationen mit Erinnerungen und Erfahrungen. Erkennt es etwa ein Gebäude als Restaurant, entstehen sofort Erwartungen: Wo lässt sich Essen bestellen oder abholen? Um Sicherheit zu erzeugen, müssen Wahrnehmung und Erwartung übereinstimmen.
Ist dies aber nicht der Fall, gerate das System ins Stocken und das Sicherheitsgefühl ins Wanken – Unbehagen entstehe, so die Neurobiologin Professor Dr. Lisa Giocomo von der kalifornischen Stanford University gegenüber dem Magazin. Denn das räumliche Kartierungssystem des Gehirns sei auf Stabilität angewiesen. Insbesondere in verlassenen Gebäuden kann demnach schnell ein Gefühl der Desorientierung entstehen – lange Flure, Türen und Gemälde in regelmäßigen Abständen, labyrinthartige Grundrisse, uneinsichtige Treppen. Wenn zusätzlich noch Anhaltspunkte fehlen, hat das Gehirn große Probleme mit seiner Einordnung. Es fühlt sich unsicher und wird von einem Gefühl beschlichen, dass etwas nicht in Ordnung ist.
Auch Licht, räumliche Komplexität sowie Architektur von alten Herrenhäusern beeinflussen die Wahrnehmung. Gleichmäßige Beleuchtung, fehlende Schatten oder Stille stiften Verwirrung. Dunkelheit verstärkt den Effekt, da sie Informationen über Tiefe, Kontraste und Kanten reduziert. In dem Fall muss sich das Gehirn mehr anstrengen, um die Umgebung zu verarbeiten – die Aufmerksamkeit steigt, der Körper ist angespannt, das innere Gefahrenerkennungssystem ist aktiviert. Wenn sich dann die nächste Stufe nicht dort befindet, wo wir sie vermuten, kommt es zu einem Vorhersagefehler, der einen obendrein verunsichert.
Weitere Sinnesreize, die einen erschaudern lassen, seien Gerüche von Schimmel, Staub oder Verwesung, berichtet die inzwischen emeritierte Architekturprofessorin Beth Tauke von der Universität Buffalo in »National Geographic«. Evolutionär sei unser Gehirn geprägt, biologischen Verfall zu wittern. Außerdem könne ein Schrittecho das Gefühl von Isolation erzeugen und feuchte Luft Assoziationen mit dem Unterirdischen hervorrufen.
Noch dazu regen Ruinen oder leerstehende Räume die Vorstellungskraft an. Der Kopf versucht, die Informationslücken dieser Leere zu schließen und fragt sich: Was ist hier geschehen oder wer hat hier gelebt? »Das Gehirn erzählt sich selbst Geschichten, um die Ruine zu verstehen, und diese Geschichten neigen dazu, in Richtung Gefahr oder Verlust zu tendieren«, so Tauke.
Bei der Reaktion auf die gespenstische Atmosphäre kommen laut dem Magazinbeitrag aber auch uralte Instinkte ins Spiel. In leeren Sälen etwa hat das Gehirn kein leichtes Spiel, deren Größe abzuschätzen, um so Gefahrenquellen zu lokalisieren. Verzerrte Geräusche oder Echos machen das Orten noch komplizierter. Auf der anderen Seite erleichtern auch enge Flure die Lage nicht. Sie begrenzen nämlich unsere Fluchtmöglichkeiten und erzeugen auf diese Weise ebenfalls Stress.
Nach der sogenannten Prospect-Refuge-Theorie bevorzugen Menschen nämlich Umgebungen, die sowohl Übersicht als auch Schutz bieten. »Steile Absätze erinnern an Klippen, Hügel und sogar Fallen, in die man hineinfallen kann. Krümmungen und L-Formen versperren uns die Sicht auf Raubtiere. Das Fehlen von Geländern lässt auf einen Mangel an greifbarer Vegetation oder Felskanten schließen«, zitiert das Magazin Tauke.
Architekten und Neurowissenschaftler nutzen dieses Wissen seit Langem – allerdings im positiven Sinne. Zum Beispiel, um den Stress in Krankenhäusern, an Arbeitsplätzen oder an Verkehrsknotenpunkten durch mehr Orientierung zu reduzieren.