Fluch und Schutz zugleich: Scham ist ein negatives Gefühl, aber es ist auch unverzichtba r. / © Adobe Stock/Drobot Dean
Manchmal sind es die kleinen Dinge im Alltag, die einem so peinlich sind, dass man sich innerlich wirklich dafür schämt. Weil einem eine blöde Bemerkung herausgerutscht ist oder man zu einem falschen Zeitpunkt gelacht hat. Weil man einen wichtigen Geburtstag vergessen oder aus Versehen ein Geheimnis ausgeplaudert hat.
Es gibt viele verschiedene Arten von Scham – und entsprechend viele Ursachen und Ausprägungen. Experten sind sich jedoch einig: Wir brauchen dieses Gefühl für uns und unsere Gesellschaft. In manchen Fällen kann es aber zu extrem werden.
Scham ist eine negative Emotion, die entsteht, wenn man das Gefühl hat, bestimmten Werten, Normen, Regeln oder Ansprüchen nicht gerecht geworden zu sein. »Es ist eines der schmerzhaftesten Gefühle überhaupt und wird oft übersehen«, sagt der Sozialwissenschaftler Stephan Marks, der ein Buch zum Thema geschrieben hat.
Er unterscheidet in seiner Forschung vier Grundformen, die er jeweils auf ein verletztes menschliches Grundbedürfnis zurückführt:
Scham kann dabei ganz unterschiedliche Bereiche betreffen, sagt Jakob Fink-Lamotte, Juniorprofessor für Klinische Psychologie an der Universität Potsdam und Psychologischer Psychotherapeut. Den eigenen Körper und das Aussehen, die eigene Leistung, soziale Zugehörigkeit beziehungsweise Anderssein oder sogar die eigenen Gefühle, wie beispielsweise »zu emotional« zu sein.
Wie äußert sich aber Scham? Wir werden rot, uns wird warm, das Herz rast, wir haben ein beklemmendes Gefühl in der Brust oder Stechen im Magen. Charakteristisch kann auch Verhalten sein, das dem Wunsch gerecht werden soll, sich unsichtbar zu machen. Wer sich schämt, schlägt etwa die Augen nieder, senkt den Kopf oder bedeckt das Gesicht mit den Händen. Wenn wir uns schämen, reagiert unser Körper mit der Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol oder Adrenalin.
Marks zufolge kann es vor allem bei einer massiven, traumatischen Scham passieren, dass man nicht mehr klar denken kann und nur noch weg von einer vermeintlichen Angstquelle möchte. »Individuell ist das natürlich sehr verschieden«, sagt er. Eine traumatische Scham könne aber dazu führen, dass Betroffene sich auf Dauer klein und unsichtbar machen oder aggressiv gegen andere oder sich selbst werden.