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Seltenere Demenzformen
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Therapie off Label, aber hilfreich

Die Demenz mit Lewy-Körperchen und die Erkrankungen aus dem Spektrum der frontotemporalen Lobärdegenerationen sind neurodegenerative Erkrankungen – seltener, aber nicht weniger belastend als eine Demenz bei Alzheimer-Krankheit. Teilweise sind sie symptomatisch gut behandelbar. Was ist bei Indikationsstellung und Beratung zu beachten?
AutorKontaktMonika Singer
Datum 28.01.2024  08:00 Uhr

Was tun bei Schlafstörungen?

Grundsätzlich kann man bei allen demenziellen Erkrankungen versuchen, Schlafstörungen mit Melatonin-Präparaten zu lindern, auch wenn hierfür keine konsistenten Empfehlungen bestehen. Bei Z-Substanzen sind Sedierung und Abhängigkeitspotenzial zu beachten. Günstiger erscheint das S-Enantiomer Eszopiclon mit geringerem Überhang am Folgetag; mög¬licherweise sind Gewöhnung oder Abhängigkeitspotenzial geringer ausgeprägt.

Der duale Orexin-Rezeptorantagonist (DORA) Daridorexant ist zugelassen für chronische Insomnie, die länger als drei Monate andauert. Potenzielle unerwünschte Wirkungen wie Schlaflähmung und hypnagoge/hypnopompe Halluzinationen treten selten auf, sind aber zu beachten.

Sedierende Antidepressiva wie Mirtazapin, Trazodon und Agomelatin sind als schlafanstoßende Substanzen im Einsatz (bei fehlender Depression off Label, Aufklärung!). Unter Mirtazapin treten gehäuft Restless-Legs-Symptome auf. Trizyklika sind wegen anticholinerger Wirkungen gerade bei älteren Erkrankten nicht geeignet.

Pflanzliche Wirkstoffe können sich ebenfalls positiv auf Schlaf (zum Beispiel ein methanolischer Auszug aus Baldrian und Hopfen) oder Angst (hoch konzentriertes Lavendelöl) auswirken. Vor Johanniskraut ist bei einer Kombinationstherapie explizit zu warnen; aufgrund seiner starken Induktionseffekte auf Stoffwechselenzyme kann der Abbau der Komedikation deutlich beschleunigt und damit die Wirkung einer Komedikation erheblich reduziert werden (bis zum Wirkverlust).

Start low, go slow

Generell gilt in der medikamentösen Behandlung älterer Menschen »start low, go slow«. Allerdings ist bei Cholinesterase-Hemmern eine Unterdosierung zu vermeiden (»but go«) (6). Bei vielen Medikationen sind geringere Dosierungen erforderlich wegen der verlangsamten Metabolisierung und Elimination im Alter. Ältere Patienten reagieren empfindlicher auf ZNS-gängige Substanzen, zum Beispiel auf anticholinerge Wirkungen mit Delirgefahr. Im Idealfall sollte Polypharmazie reduziert werden (Deprescribing).

Demenzielle Erkrankungen mit neurodegenerativer Genese sind bisher nicht heilbar. Ein therapeutischer Nihilismus ist jedoch nicht angebracht, da eine symptomatische psychopharmakologische Medikation oft die Lebensqualität der Betroffenen und damit auch ihrer Angehörigen erheblich verbessern kann. Die Medikamente sind formal (meist) nicht zugelassen, sollten jedoch auch bei Lewy-Körperchen-Demenz und bei Erkrankungen aus dem Spektrum der frontotemporalen Lobärdegenerationen unbedingt angeboten werden.

Nicht medikamentöse Maßnahmen sind bei Demenzerkrankten extrem wichtig (4). Betroffenen und Angehörigen sollten zudem die umfassenden und detaillierten Informationsblätter der Deutschen Alzheimer Gesellschaft empfohlen werden.

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