Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Immunantwort auf SARS-CoV-2
-
Stärker ist nicht unbedingt besser

Das Immunsystem des Menschen spricht gut auf das neue Coronavirus SARS-CoV-2 an. Eine rasche und starke Antwort scheint nach bisherigen Daten aber nicht immer gut zu sein. Das hat auch Implikationen für die Impfstoffentwicklung.
AutorKontaktChristina Hohmann-Jeddi
Datum 03.04.2020  12:58 Uhr

Immunsuppression soll Zytokine bremsen

Während bei der großen Mehrheit der SARS-CoV-2-Infizierten das Immunsystem in der Lage ist, den Erreger zu kontrollieren, kann die Immunreaktion in wenigen Fällen auch eskalieren. Welche Mechanismen dem zugrunde liegen könnten, erörtern Forscher um den Rheumatologen Dr. Piercarlo Sarzi-Puttini von der Universität Mailand in einem Übersichtsartikel zu Covid-19, Zytokinen und Immunsuppression im Fachjournal »Clinical and Experimental Rheumatology«. Den Autoren zufolge ist die primäre Immunreaktion auf das Virus vorteilhaft. Die sekundäre Immunreaktion kann dagegen aus bisher ungeklärten Gründen in Einzelfällen überstark ausfallen und Organe schädigen, zu Multiorganversagen und zum Tod führen.

Zytokine stehen im Verdacht, die Immunreaktionen überschießen zu lassen. Das war schon sowohl bei SARS-CoV-1 als auch beim MERS-Coronavirus beobachtet worden und scheint auch bei dem aktuellen Pandemievirus der Fall zu sein. So berichteten chinesische Forscher im Januar, dass Covid-19-Patienten erhöhte Spiegel von proinflammatorischen Zytokinen aufweisen, was möglicherweise zu einer verstärkten Aktivierung von T-Helferzellen vom Typ 1 führt (»The Lancet«, DOI: 10.1016/S0140-6736(20)30183-5). Intensivpflichtige Patienten hatten dabei bei einigen Zytokinen höhere Titer als Patienten mit weniger schwerem Verlauf.

Aus diesen Gründen wird inzwischen auch der Nutzen von immunsupprimierenden Therapien untersucht. Hierzu zählt neben dem IL-6-Antagonisten Tocilizumab (RoActemra®), der derzeit von Hersteller Roche erprobt wird, auch der IL-1-Rezeptorantagonist Anakinra (Kineret®), mit dem in China eine Studie gestartet ist. Außerdem erproben Sanofi und Regeneron den IL-6-Antagonisten Sarilumab (Kevzara®) in einer Studie mit Covid-19-Patienten.

Sarzi-Puttini und Kollegen zufolge wäre auch der Einsatz des JAK-Inhibitors Baricitinib (Oluminat®) denkbar. Mit dem JAK-Inhibitor Ruxolitinib (Jakavi®) plant Hersteller Novartis jetzt eine Studie mit Covid-19-Patienten mit Zytokinfreisetzungssyndrom. Auch Hydroxychloroquin, das gegen Covid-19 getestet wird, ist ein Immunmodulator. Daher hat es neben der Malariatherapie und -prophylaxe auch eine Zulassung zur Behandlung milder Verläufe der rheumatoiden Arthritis und des systemischen Lupus erythematodes.

Den Autoren zufolge könnten gerade die modernen Antirheumatika wirksam bei schweren Verläufen von Covid-19 sein, da sie Schritte der Immunantwort hemmen, die im Verlauf der Erkrankung außer Kontrolle geraten.

Mehr von Avoxa