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Immunantwort auf SARS-CoV-2

Stärker ist nicht unbedingt besser

Zu etwas anderen Ergebnissen kamen Forscher um Juanjuan Zhao von der Universität Zhengzhou in China in einem online vorab veröffentlichten Artikel im Fachjournal »The Lancet« (DOI: 10.2139/ssrn.3546052). Sie hatten 173 Covid-19-Patienten untersucht, bei denen die Serokonversion der verschiedenen Antikörperfraktionen in folgender Reihenfolge nach Symptombeginn stattfand: Antikörper insgesamt im Mittel nach elf Tagen, IgM nach zwölf Tagen und IgG nach 14 Tagen. Bereits in den ersten sieben Tagen nach Krankheitsbeginn waren bei fast 40 Prozent der Patienten Antikörper zu finden, die Rate stieg dann bis zu Tag 15 auf 100 Prozent an.

Der Antikörpertiter könnte den Autoren zufolge auch Hinweise auf den klinischen Verlauf geben. In ihrer Studie korrelierte er nämlich stark mit der Schwere der Erkrankung. Ein hoher Titer könne daher unabhängig von Alter, Geschlecht und Komorbiditäten ein Risikofaktor für schwere Verläufe sein. Wie dieser Zusammenhang zustande komme, sei noch nicht klar und müsse genauer untersucht werden.

Auch beim Ausbruch von SARS in den Jahren 2002 und 2003 war beobachtet worden, dass die Antikörperantwort die Erkrankung, vor allem die akute Lungenschädigung, verstärkte. So zeigte der Vergleich von Patienten, die mit dem ersten SARS-Erreger infiziert und genesen waren, mit verstorbenen Infizierten, dass bei Letzteren die Bildung von Antikörpern gegen das Spike-Protein des Virus früher eingesetzt hatte und auch stärker ausgefallen war («JCI Insight« 2019, DOI: 10.1172/jci.insight.123158).

Drosten gab in einem NDR-Info-Podcast am 2. April eine mögliche Erklärung hierzu: Eine unbalancierte Antikörper-Antwort könne auch »ungute« Immunreaktionen hervorrufen. Neben den neutralisierenden Antikörpern, die Erreger effektiv ausschalteten, gebe es nicht neutralisierende Antikörper, die das Virus nur verklebten. Monozyten, die darauf spezialisiert seien, mit Antikörpern markierte Erreger zu fressen, nähmen die an Antikörper gebundenen Coronaviren auf. Dadurch gelangten diese in die Immunzellen, könnten dort replizieren und die Zellen töten. Letztlich fehlten Immunzellen, die der Körper benötige, um die Infektion zu beseitigen, erklärte der Virologe.

Dieser Effekt müsse auch bei der Entwicklung eines Impfstoffs bedacht werden. Vakzinen, die vor allem die Bildung von neutralisierenden Antikörpern stimulieren, sind laut Drosten zu bevorzugen. Bei Impfstoffen, die eine unbalancierte Antikörper-Antwort hervorriefen, könne es passieren, dass bei einer tatsächlichen Infektion die Erkrankung durch die Immunantwort verschlechtert werde. Dieses Phänomen bezeichnet man auch als Antibody-dependent Enhancement.

»Das ist reine Theorie«, betonte Drosten. Doch diese Unwägbarkeiten machten die klinische Erprobung von Vakzinkandidaten so wichtig. Bisherigen Erkenntnissen zufolge sei die Wahrscheinlichkeit, dass bei Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 solche Störeffekte auftreten, nicht sehr groß. »Aber man muss sie ausschließen.«

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