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Multiple Sklerose

Siponimod ohne Zusatznutzen

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat für das Multiple-Sklerose-Medikament Siponimod keinen Zusatznutzen gegenüber den zweckmäßigen Vergleichstherapien festgestellt. Hersteller Novartis hingegen sieht einen Mehrwert für die Patienten.
Kerstin A. Gräfe
24.08.2020  14:30 Uhr

Siponimod (Mayzent®) ist seit Januar dieses Jahres zugelassen zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit sekundär progredienter Multipler Sklerose (SPMS) mit Krankheitsaktivität, nachgewiesen durch Schübe oder Bildgebung der entzündlichen Aktivität. Es handelt sich um das erste peroral einsetzbare Arzneimittel für dieses Anwendungsgebiet.

Im Rahmen der frühen Nutzenbewertung unterschied der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) zwischen zwei Patientenpopulationen. Zum einen begutachtete der G-BA Daten zu erwachsenen Patienten mit SPMS mit aktiver Erkrankung, definiert durch klinischen Befund oder Bildgebung der entzündlichen Aktivität, mit aufgesetzten Schüben. Als zweckmäßige Vergleichstherapie hatte der G-BA Interferon-beta 1a, Interferon-beta 1b oder Ocrelizumab bestimmt. Für diese Patientengruppe habe der pharmazeutische Unternehmer keine Daten vorgelegt, konstatierte der G-BA. Insofern könnten keine Aussagen zum Zusatznutzen von Siponimod gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie abgeleitet werden. Ein Zusatznutzen sei damit nicht belegt, lautet das Fazit.

Zum anderen bewertete der G-BA die Studienlage zu erwachsenen Patienten mit SPMS mit aktiver Erkrankung, definiert durch klinischen Befund oder Bildgebung der entzündlichen Aktivität, ohne aufgesetzte Schübe. Als zweckmäßige Vergleichstherapie bestimmte der G-BA hier die beste unterstützende Behandlung (Best-Supportive-Care, BSC). Für diese Patientengruppe legte Novartis die Daten der RCT-EXPAND-Studie vor, in der Siponimod plus BSC gegenüber Placebo plus BSC untersucht wurde.

In die Studie wurden Patienten mit SPMS unabhängig davon eingeschlossen, ob sie eine Krankheitsaktivität oder aufgesetzte Schübe aufwiesen. Laut G-BA gingen somit in die Auswertung der zu bewerteten Patientenpopulation nur 11,6 Prozent der Patienten des Interventionsarms (128 Patienten) und 11,2 Prozent der Patienten des Vergleichsarm ein (61 Patienten). Circa 75 Prozent der Patienten dieser Teilpopulation hatten vor Studienbeginn eine den Krankheitsverlauf modifizierende MS-Therapie erhalten.

G-BA reichen die Daten nicht aus

In der Endpunktkategorie Morbidität zeigten sich in den Endpunkten zur Behinderungsprogression sowie zur Schwere der Behinderung jeweils keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Behandlungsarmen. Dieses Ergebnis spiegelte sich auch in den Endpunkten kognitive Funktion, Sehvermögen, Gehfähigkeit, der physischen und psychischen Funktion sowie dem Gesundheitszustand wider, in denen ebenfalls kein relevanter Vorteil für Siponimod festgestellt werden konnte.

Hingegen zeigte sich ein statistisch signifikanter Vorteil zugunsten von Siponimod im Endpunkt der bestätigten Krankheitsschübe. Während für die Endpunktkategorie der gesundheitsbezogenen Lebensqualität keine Daten erhoben wurden, wurden dem G-BA zufolge für die Endpunktkategorie der Nebenwirkungen keine bewertbaren Daten vorgelegt. Insgesamt könne somit für das primäre Therapieziel der SPMS im Endpunkt der bestätigten Behinderungsprogression kein statistisch signifikanter Vorteil für Siponimod gezeigt werden, resümiert der G-BA.

Weiter heißt es, dass der potenzielle Effekt von Siponimod auf die Reduktion der Schubrate aufgrund unzureichender Angaben hinsichtlich des Einflusses der vorangegangenen krankheitsmodifizierenden MS-Therapien auf die im Studienverlauf aufgetretenen Krankheitsschübe nicht abschließend bewertet werden könne. Zudem lägen keine bewertbaren Daten zum Nebenwirkungsprofil von Siponimod vor. In der Gesamtschau sei ein Zusatznutzen von Siponimod gegenüber BSC nicht belegt, so der G-BA.

Novartis bedauert die Entscheidung

Aus Sicht von Hersteller Novartis belegen die Ergebnisse der EXPAND-Studie, dass der Siponimod das Risiko für eine Krankheitsprogression bei Patienten mit aktiver SPMS signifikant reduziert. »Wir bedauern sehr, dass der G-BA diesen Mehrwert für Patienten mit aktiver SPMS nicht anerkannt hat. Siponimod ist die erste orale Therapie spezifisch zur Behandlung der aktiven SPMS. Die vorgelegten Studiendaten zeigen, dass Patienten bei einer Behandlung mit dem S1P-Rezeptorblocker von einer signifikanten Verzögerung der Behinderungsprogression profitieren können,« sagte Dr. André Schmidt, Medizinischer Direktor Novartis Pharma, in einer Pressemitteilung. 

Siponimod ist ein selektiver Modulator des Sphingosin-1-Phosphat-(S1P)-Rezeptors, der selektiv an S1P1- und S1P5-Rezeptoren bindet. Durch die S1P-Modulation wird verhindert, dass die Lymphozyten aus den Lymphknoten austreten und in der Folge in das Zentralnervensystem (ZNS) von MS-Patienten gelangen. Dies führt zur entzündungshemmenden Wirkung von Siponimod. Die Substanz tritt auch in das ZNS ein und bindet an den S1P5-Subrezeptor an spezifischen Zellen im ZNS, einschließlich Astrozyten und Oligodendrozyten.

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