| Jennifer Evans |
| 12.08.2026 07:00 Uhr |
Eine »indigene Liebesethik« könnte in Zukunft ein neues Fundament medizinischer Ansätze darstellen. / © PZ/generiert mit KI
Indigene Gesundheitsforschung bewegt sich zwischen kolonial geprägten Wissenschaftstraditionen und der Weltanschauung indigener Gemeinschaften. In einem Kommentar im Fachblatt »The Lancet« beschreibt der Kardiologe und Forscher Dr. Luke James Burchill diese Dualität aus persönlicher Perspektive.
Er ist mütterlicherseits Yorta Yorta und Dja Dja Wurrung, zwei Aborigine-Gemeinschaften, und väterlicherseits Sohn eines englischen Einwanderers. Seine Arbeit in westlich geprägten Institutionen verlangt von ihm eine ständige Auseinandersetzung mit der eigenen Identität – zumal diese Einrichtungen die Weltanschauung der australischen Ureinwohner historisch oft ablehnten.
Burchill schildert, wie er sich zunächst von der Vorstellung lösen musste, in zwei getrennten Welten zu leben, um sich als ganze Persönlichkeit zu fühlen. Sein »geerdetes Selbst«, wie er es nennt, helfe ihm heute, an der kulturellen Schnittstelle zwischen Mainstream und indigener Gesundheitsforschung zu arbeiten.
Ähnlich erlebt es die Aborigine-Kardiologin Dr. Jessica O’Brien. In ihrem Projekt »I Heart MRI«, das bessere Diagnostik und Prävention rheumatischer Herzerkrankungen erforscht, zeigt sich die Dualität ebenfalls. Ihr Team nahm an dem Forschungsprojekt Anpassungen vor, um indigene Selbstverwaltung zu stärken. Dazu gehörten echte Konsultationen der Gemeinschaften, eine Führungsstruktur zugunsten indigener Expertise, kulturell angepasste Einwilligungsprozesse und eine Ausrichtung an den Bedürfnissen der Betroffenen.
»Was diese Forschung auszeichnet, ist ihre Fokussierung auf die Lebenserfahrung eines indigenen Kardiologen, der im biomedizinischen Paradigma ausgebildet wurde und nun in den Bereich der indigenen Gesundheitsforschung eintritt«, heißt es im »Lancet«-Beitrag. Das Projekt zeigt, wie indigene Perspektiven Forschung methodisch, inhaltlich und ethisch verändern können.
Besonders kritisch sehen einige Wissenschaftler die »schadensorientierte Forschung«, die Defizitnarrative nutzt und Leid und Gebrochenheit indigener Menschen dokumentiert – statt sie zu stärken. Sie plädieren dafür, den Fokus lieber auf eine wunschbasierte Forschung zu verlagern, die die Bestrebungen indigener Gemeinschaften in den Mittelpunkt stellt. Voraussetzung dafür ist, dass indigene Selbstverwaltung nicht marginalisiert, sondern strukturell verankert wird.
Als Beispiel für gelebte Selbstbestimmung nennt Burchill die Reaktion auf die Covid-19-Pandemie in Australien. Indigene Gemeinschaften hätten dabei Entscheidungen sowohl auf Grundlage epidemiologischer Daten als auch kultureller Prinzipien getroffen, wie etwa Vorrang für Älteste, Schutz von Verwandtschaftsstrukturen und Vertrauen in eigene Kommunikationswege. »Dieser Ansatz zeigte, dass unter der Führung indigener Völker Lösungen entstehen, die nicht nur wirksam, sondern auch zutiefst menschlich sind – verwurzelt in Fürsorge, Liebe zur Gemeinschaft und kollektivem Wohlergehen«, schreibt er.
Als ethische Grundlage künftiger indigener Gesundheitsforschung plädiert Burchill für eine »indigene Liebesethik«: eine Haltung, die Fürsorge, Verantwortung gegenüber Land, Kultur und Gemeinschaft sowie spirituelles Wachstum betont. Nur wenn indigene Völker Forschung auf Basis ihres eigenen Wissens, ihrer Bedürfnisse und Beziehungen selbst gestalten, so seine Überzeugung, lassen sich die kolonialen Strukturen überwinden, die ihren Handlungsraum bis heute begrenzen.