Das Bewusstsein für das Datenschutzproblem ist bei Nutzern durchaus ausgeprägt, wie eine Studie von 2025 aus dem Journal »Oxford Open Digital Health« belegt: In Befragungen, die Forschende der Swansea University in Wales für die Studie durchführten, waren viele Nutzerinnen von Menstruations-Tracking-Apps der Meinung, die Anwendungen würden mehr Daten sammeln als notwendig. Trotzdem war die Bereitschaft, die Dienste weiterzunutzen, hoch. Das beschreiben die Wissenschaftler als Privacy Paradox. Damit wird das Phänomen beschrieben, dass Menschen ein Angebot nutzen, obwohl sie eigentlich Bedenken mit Blick auf die Privatsphäre haben.
Der Soziologe und Transformationsforscher Professor Dr. Stefan Selke von der Hochschule Furtwangen sieht neben dem mangelnden Datenschutz noch ein weiteres großes Problem: »Was ich viel problematischer finde, ist die Datenqualität.« Gerade bei gesundheitlichen Anwendungen, beispielsweise Herzfrequenzmessungen oder Schlafüberwachung, stelle sich die Frage: »Misst diese Anwendung, was sie messen soll? Wie gut ist die empirische Qualität? Ist die Messung valide? Ist sie reliabel? Ist sie objektiv? Das ist in ganz vielen Fällen nicht der Fall. Das bedeutet, die Datenqualität ist schlecht.«
Das mache es für Nutzer sehr schwierig, die Informationen einzuschätzen. Schicke Oberflächen mit Grafiken und Tabellen gäben den Anschein von Objektivität. »Und trotzdem interpretieren wir das ja als Nutzerinnen und Nutzer, wir leiten daraus Handeln oder Unterlassen ab. Und das ist prinzipiell gefährlich. Es kann zu Überdiagnosen oder Fehldiagnosen kommen und Ängste auslösen.«
Als Beispiel nennt Selke etwa Schrittzähler. Diese nutzen in der Regel die Beschleunigung des Arms als Indikator – man erhalte damit nicht viel mehr als eine grobe Annäherung, da Schritte bei jedem anders aussähen. »Trotzdem sagen dann Leute, ich bin heute 10.000, 7500 Schritte oder so gelaufen.« Problematischer werde es, wenn Daten über Herzfunktionen ungenau seien und entweder unnötigen Alarm schürten oder tatsächlich gefährliche Werte nicht erkennen ließen.
»Menschen verlassen sich seit langer Zeit auf Zahlen und sind geradezu obsessiv, was die Numerik, die Metrik angeht«, sagt Selke. Sie gäben die Illusion von Kontrolle. »Viele Menschen sind frustriert, dass das große Ganze, die Welt nicht mehr beherrschbar ist – planetar, global, national, politisch. Da erscheint der eigene Körper, die eigene Lebensführung als etwas, was vermeintlich beeinflussbar ist. Was man ändern kann. Worauf ich einwirken kann, was sich optimieren lässt. Die Messungen suggerieren, dass es reicht, einem Zahlenpfad zu folgen.«