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Vom Kalender zur biologischen Uhr
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Proteomik macht individuelles Altern messbar

Nicht mehr das kalendarische Alter, sondern das biologische Alter einzelner Organe und Zelltypen könnte künftig bestimmen, wie Krankheiten vorhergesagt, verhindert und behandelt werden. Diesen Paradigmenwechsel prognostiziert der Kardiologe und Genomforscher Professor Dr. Eric Topol.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 16.07.2026  18:00 Uhr
Gehirn und Immunsystem als Taktgeber des Alterns

Gehirn und Immunsystem als Taktgeber des Alterns

Über verschiedene Kohorten hinweg zeigt sich ein konsistentes Muster: Je mehr Organe oder Zelltypen beschleunigt altern, desto höher ist die spätere Mortalität. Besonders stark fallen dabei Gehirn und Immunsystem auf. Für Menschen, deren neuronale und immunologische Zelluhren langsam altern, liegt die Überlebensrate über einen Zeitraum von 15 bis 17 Jahren bei nahezu 100 Prozent.

Diese Befunde lassen sich dahingehend interpretieren, dass Gehirn und Immunsystem möglicherweise als zentrale Regulatoren des Alterungsprozesses fungieren. Beide Systeme scheinen die Widerstandsfähigkeit des Organismus gegenüber Alterungsprozessen anderer Organe entscheidend zu beeinflussen.

Noch befinden sich Organ- und Zelluhren im Stadium intensiver Validierung. Dennoch sieht Topol in einem Beitrag auf seiner Plattform »Ground Truths« das Potenzial von Organ- und Zelluhren für die klinische Praxis als außerordentlich hoch an. Ein beschleunigt alterndes Gefäßsystem könnte beispielsweise zusätzliche Informationen über das individuelle Herz-Kreislauf-Risiko liefern und gezielte präventive Maßnahmen rechtfertigen. Ebenso könnte erstmals die biologische Alterung des Immunsystems objektiv erfasst werden. Dies könnte Konsequenzen für Impfstrategien, Lebensstilinterventionen oder pharmakologische Prävention nach sich ziehen.

Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass dieselben Biomarker auch den Erfolg präventiver Maßnahmen messbar machen könnten. Organuhren würden damit nicht nur Risiken identifizieren, sondern gleichzeitig als Verlaufsparameter für Interventionen dienen. Aktuell startet bereits eine randomisierte Studie bei Personen mit erhöhtem Alzheimer-Risiko, in der intensive Lebensstilinterventionen anhand von p-Tau217 und Gehirnuhren überwacht werden.

Neue Biomarker für die Geroprotektion

Die Entwicklung biologischer Uhren begann vor rund 15 Jahren mit den epigenetischen DNA-Methylierungsuhren nach Steve Horvath. Inzwischen hat sich das Feld deutlich weiterentwickelt. Während frühe Biomarker vor allem das biologische Alter des Gesamtorganismus beschrieben, erlauben heutige proteombasierte Modelle zunehmend organspezifische und zelltypspezifische Aussagen.

Diese Entwicklung könnte auch für die Geroprotektion und Rejuvenation von großer Bedeutung sein. Sollte sich nachweisen lassen, dass Organ- und Zelluhren auf therapeutische Interventionen ansprechen, könnten sie künftig als Surrogatendpunkte dienen und klinische Studien zu Anti-Aging-Therapien erheblich beschleunigen.

Gleichzeitig warnt Topol ausdrücklich vor derzeit kommerziell angebotenen epigenetischen Alterungstests. Für diese fehle bislang eine ausreichende Standardisierung und Validierung. Die eigentliche Zukunft sieht er in proteomischen Organ- und Zelluhren, deren klinische Einführung innerhalb der kommenden Jahre realistisch erscheint.

Das biologische Alter wird jedenfalls zunehmend präzise messbar und offenbar auch beeinflussbar. Sollte sich diese Entwicklung bestätigen, könnte sie die Präventionsmedizin grundlegend verändern. Hier deutet sich eine Entwicklung weg von pauschalen Altersgrenzen hin zu einer individualisierten Medizin an, die sich am tatsächlichen biologischen Zustand von Organen und Zelltypen orientiert.

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