| Theo Dingermann |
| 18.06.2026 15:00 Uhr |
Verschiedene Zelltypen im menschlichen Körper altern unterschiedlich schnell – zum Beispiel Neuronen und Gliazellen. Die Unterschiede haben Bedeutung für Krankheiten. / © Getty Images/Yuichiro Chino
Ein Team um Daisy Yi Ding vom Department of Neurology and Neurological Sciences an der Stanford University School of Medicine zeigt in einer aktuellen Arbeit, die das Team im Journal»Nature Medicine« publizierte, dass biologisches Altern auch zwischen einzelnen Zelltypen asynchron verläuft. Eigentlich ist das konzeptionell nicht neu. Bemerkenswert an der aktuellen Arbeit ist aber, dass sich diese zelluläre Heterogenität einfach aus dem Plasmaproteom rekonstruieren lässt, also aus der Gesamtheit aller Proteine, die sich im Blutplasma befinden.
Basis für die Arbeit waren groß angelegte Plasmaproteomdaten von insgesamt 60.542 Personen aus drei unabhängigen Kohorten. Aus dieser riesigen Datenquelle wählten die Forschenden mehr als 7000 im Plasma messbare Proteine aus und ordneten diese anhand von Einzelzell-Transkriptomdaten spezifischen Zelltypen zu. Auf dieser Grundlage entstanden dann sogenannte »zelluläre Altersuhren«. So war es möglich, das biologische Alter einzelner Zellpopulationen aus einer komplexen Blutprobe abzuleiten.
Mithilfe maschineller Lernverfahren entwickelten die Forschenden dann altersabhängige Modelle für mehr als 40 Zelltypen verschiedener Gewebe- und Organsysteme, darunter Neuronen, Gliazellen, Immunzellen, Muskelzellen sowie epitheliale und endokrine Zellpopulationen.
Diese Modelle ließen eine erhebliche interindividuelle Heterogenität erkennen. Offenbar unterscheiden sich Alterungsprozesse zwischen Zelltypen deutlich, und diese Unterschiede sind eng mit Krankheitsrisiken, Mortalität und genetischen Faktoren verknüpft.
So zeigten in den untersuchten Kohorten rund ein Viertel der Personen eine beschleunigte Alterung in nur einem Zelltyp, während etwa 1 bis 3 Prozent eine ausgeprägte Alterung in zehn oder mehr Zelltypen gleichzeitig aufwiesen. Bestimmte Zellpopulationen erwiesen sich als besonders vulnerabel. Unter diesen zeigten beispielsweise neuronale und gliale Zelltypen wie Schwann’sche Zellen oder inhibitorische Neuronen vor allem im hohen Alter eine beschleunigte Alterung. Dagegen traten frühe Alterungssignaturen bei intestinalen Becherzellen und Flimmerepithelzellen bereits in mittleren Lebensjahren auf.