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Vom Kalender zur biologischen Uhr
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Proteomik macht individuelles Altern messbar

Nicht mehr das kalendarische Alter, sondern das biologische Alter einzelner Organe und Zelltypen könnte künftig bestimmen, wie Krankheiten vorhergesagt, verhindert und behandelt werden. Diesen Paradigmenwechsel prognostiziert der Kardiologe und Genomforscher Professor Dr. Eric Topol.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 16.07.2026  18:00 Uhr

Lange galt die Vorstellung, dass Alterungsprozesse kontinuierlich und gleichmäßig ablaufen. Diese Annahme wird durch aktuelle Omics-Studien zunehmend widerlegt. Stattdessen zeigen groß angelegte Proteom-Analysen drei markante biologische Alterungswellen, die ungefähr im Alter von 34, 60 und 78 Jahren auftreten. Das biologische Altern verläuft demnach in Schüben und nicht linear.

Zudem altern die verschiedenen Organe eines Menschen unterschiedlich schnell. Moderne Proteom-Analytik kann inzwischen bis zu 11.000 Proteine aus einer Blutprobe analysieren und diese mithilfe KI-gestützter Modelle einzelnen Organen zuordnen.

Bemerkenswert sind Daten der britischen National Survey of Health and Development (NSHD). Im Rahmen dieser Studie wurden Daten von rund 1800 Menschen des Jahrgangs 1946 über Jahrzehnte gesammelt. Obwohl alle Teilnehmer exakt gleich alt waren, unterschieden sich ihre biologischen Organalter um bis zu zehn Jahre. Beschleunigtes Altern einzelner Organe korrelierte dabei konsistent mit entsprechenden Erkrankungen, etwa ein biologisch »altes« Herz mit Herzinsuffizienz oder ein beschleunigt alterndes Gehirn mit Alzheimer-Demenz.

Der Lebensstil ist prägend

Die Organuhren spiegeln nicht allein genetische Faktoren wider. Sie reagieren auch auf Umwelt- und Lebensstilfaktoren. Übergewicht bereits im Jugendalter, Rauchen, geringe Bildung oder psychosoziale Belastungen beschleunigen die biologische Alterung einzelner Organe. Demgegenüber erwiesen sich normale Geburtsgewichte, ein günstiger sozioökonomischer Hintergrund, regelmäßige körperliche Aktivität und insgesamt gesunde Lebensgewohnheiten als protektiv. Diese Ergebnisse unterstreichen, dass biologische Alterung zumindest teilweise modifizierbar ist.

Noch einen Schritt weiter gehen neu entwickelte Zelluhren. Erstmals lassen sich aus Blutproteinen Alterungsprozesse einzelner Zelltypen rekonstruieren, darunter Astrozyten, Mikroglia oder Immunzellen. In einer Untersuchung mit mehr als 60.000 Personen wurden über 40 verschiedene Zellpopulationen analysiert.

Besonders eindrucksvoll sind die Daten zu Astrozyten des Gehirns. Personen mit biologisch beschleunigt alternden Astrozyten entwickelten Alzheimer-Erkrankungen rund zwölfmal häufiger als Menschen mit biologisch »jungen« Astrozyten. In Kombination mit dem APOE4-Risikogen verstärkte sich dieser Effekt nochmals erheblich: Bei Trägern zweier APOE4-Allele stieg das Erkrankungsrisiko bei alten Astrozyten nahezu um das 40-Fache. Bemerkenswert ist dabei, dass die biologische Zellalterung zusätzliche Informationen liefert, die über den genetischen Risikostatus hinausgehen. Zusammen mit etablierten Biomarkern wie p-Tau217, dem glialen fibrillären sauren Protein GFAP oder der Neurofilament-Leichtkette (NFL) könnte sie künftig die individuelle Alzheimer-Risikobewertung deutlich präzisieren.

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