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Verlauf der Pandemie

Prognosen sind noch ungenau

Wie geht es denn nun weiter mit der Pandemie? Kommt die zweite Welle oder erwartet uns eher ein langsames Köcheln auf kleiner Flamme? Das können auch Experten momentan nicht sagen, weil Modelle immer komplizierter werden.
Annette Rößler
04.09.2020  12:00 Uhr

Im Prinzip sind wir alle seit Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie Teil eines riesigen Experiments mit ungewissem Ausgang. Abstandsregeln, Maskenpflicht, Kontaktbeschränkung bis hin zum Lockdown und seitdem die schrittweise Lockerung der Beschränkungen: Wie sich all diese Maßnahmen auf die Verbreitung des Coronavirus ausgewirkt haben, ist bekannt. Was wir aber alle gerne wissen würden, ist: Wie lange müssen welche Regeln noch befolgt werden? Da niemand in die Zukunft schauen kann, versuchen Wissenschaftler, sich mit Modellrechnungen einer Antwort anzunähern.

In einem vom Science Media Center Germany ausgerichteten Video-Pressebriefing wurde gestern allerdings deutlich, wie groß die Unsicherheiten dabei momentan noch sind. Denn dadurch, dass Maßnahmen wie Abstandsregeln, Maskenpflicht und Schulschließungen im Frühjahr mehr oder weniger gleichzeitig eingeführt wurden, ist es unmöglich zu sagen, was davon wie viel bewirkt hat. Jetzt, da die Beschränkungen nach und nach einzeln wieder aufgehoben würden, müsse man dies genau beobachten, sagte Professor Dr. Mirjam Kretzschmar von der Universität Utrecht in den Niederlanden. »Zum Beispiel was die Öffnungen der Schulen anbetrifft, ist jetzt gerade ein wichtiger Zeitpunkt. Momentan wissen wir noch nicht genau, wie viel die Übertragung in Schulen dazu beiträgt, dass die Fallzahlen wieder steigen können. Wir hoffen aber, das im Laufe der nächsten Wochen einschätzen zu können.«

Bereits relativ zu Beginn der Pandemie hat es mehrere Versuche gegeben, den Verlauf anhand von Modellen vorherzusagen. Da der Erreger noch weitgehend unbekannt war, orientierten sich Wissenschaflter bei diesen Modellierungen beispielsweise an Erfahrungen mit dem Grippevirus. Professor Dr. Rafael Mikolajczyk von der Universität Halle-Wittenberg sagte dazu: »Die einfachen Modelle, die am Anfang der Pandemie erstellt wurden, haben den Vorteil, dass man nicht so viele Annahmen treffen muss. In dem Moment, wo man Modelle sehr detailliert darstellt, braucht man sehr viele Parameter aus epidemiologischen Studien. Die gab es am Anfang nicht und die gibt es zum Teil auch immer noch nicht.«

Beispielsweise wisse man noch nicht genau, welchen Beitrag jüngere Altersgruppen an der Verbreitung von SARS-CoV-2 haben – dabei wirke sich dies stark darauf aus, wie die Rolle der Schulen zu interpretieren sei. Unklar sei auch noch der Stellenwert der Aerosol-Übertragung und das »gigantische Thema Immunität«. Am Anfang der Pandemie sei man davon ausgegangen, dass Patienten, die Covid-19 durchgemacht haben, immun seien. »Aber jetzt ist die Frage: wie lange? Und gibt es so etwas wie eine partielle Immunität? Können Personen ansteckend sein, ohne selbst zu erkranken?«, verdeutlichte Mikolajczyk. All dies müsse man bei der Modellierung des weiteren Verlaufs der Pandemie berücksichtigen.

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