| Theo Dingermann |
| 19.05.2026 14:00 Uhr |
Die Forschenden positionieren ihre Befunde bewusst als Input für evidenzbasierte Leitlinienentwicklung und nicht als direkte Handlungsempfehlung. Der gemeinsame Entscheidungsprozess zwischen Arzt und Patient, idealerweise unterstützt durch validierte Entscheidungshilfen, wird als unverzichtbarer Rahmen für die individuelle PSA-Screening-Entscheidung hervorgehoben.
Für Leitlinienkommissionen wie die derzeit aktualisierende US Preventive Services Task Force liefern die 23-Jahres-ERSPC-Daten nun ein substanziell stärkeres Mortalitätssignal als bisher, das in die Gesamtabwägung von Nutzen, Schaden, Kosten und Versorgungsgerechtigkeit einzubetten ist. Die fortschreitende Verbreitung aktiver Surveillance bei Low-Risk-Karzinomen sowie die technische Weiterentwicklung hin zu weniger invasiven Biopsieprotokollen verschieben dabei die Risiko-Nutzen-Balance potenziell zugunsten des Screenings.
In einem Beitrag auf der Nachrichtenseite des Fachjournals »Nature« wird hervorgehoben, dass nicht alle Experten die optimistische Lesart der neuen Analyse uneingeschränkt teilen. So weist der Biostatistiker Dr. Adam Brentnall von der Queen Mary University of London auf methodische Limitationen hin, die sowohl den tatsächlichen Nutzen des Screenings unterschätzen als auch das Ausmaß der Überdiagnose verzerren könnten, insbesondere bei Männern über 70 Jahren. Diese Einschränkung ist nach Einschätzung dieses Experten klinisch nicht trivial. Denn Überdiagnosen führen zu Behandlungen, die bei indolenten Tumoren keinen Überlebensvorteil bieten, aber mit erheblicher Morbidität verbunden sein können.
Der Befund trifft zudem auf ein gesundheitspolitisches Umfeld, das ohnehin im Umbruch ist. Zahlreiche nationale Leitliniengremien überarbeiten derzeit ihre Empfehlungen zum PSA-Screening. In Deutschland, Großbritannien und den USA herrscht weiterhin kein Konsens darüber, ab welchem Alter und für welche Risikogruppen ein systematisches Screening indiziert ist.
Der neue Cochrane-Review dürfte diese Debatten erheblich beeinflussen, auch wenn die absolute Risikoreduktion gering bleibt und eine informierte gemeinsame Entscheidungsfindung zwischen Arzt und Patient weiterhin unverzichtbar ist.