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Schwangerschaft und Stillzeit

Medikamente nie ohne Arzt und Apotheker

Ob Asthma, Bluthochdruck, Übelkeit oder Erbrechen: Für die Therapie fast aller Erkrankungen in der Schwangerschaft und Stillzeit gibt es hinreichend untersuchte Medikamente. Immer muss vor ihrem Einsatz jedoch der Rat eines Arzneimittelexperten eingeholt werden.
Christiane Berg
04.03.2020  10:54 Uhr

Das unterstrich Professor Dr. Christof Schaefer, Gründer und bis 2019 Leiter des Pharmakovigilanz - und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin, beim 4. Brandenburgischen Apotheker- und Ärztetag am vergangenen Wochenende in Potsdam. Der Information und Beratung in der Apotheke komme besondere Bedeutung zu.

Ob Rx oder OTC: Schaefer betonte, dass Schwangerschaftshinweise in Produktinformationen meist unzureichend sind. »Beipackzettel, Rote Liste und selbst Fachinformationen erlauben meist keine exakte Beurteilung von Risiken und Sicherheit für die werdende Mutter und das Kind«, sagte er. Auch seien signifikante Ergebnisse einzelner Studien nicht zwangsläufig ein Kausalitätsbeweis. Stets bedürfe es daher der kritischen Interpretation und sorgfältigen Gefahren-Abschätzung des Spezialisten vor dem Hintergrund aller verfügbaren Erfahrungen.

»Als Institut, das mit öffentlichen Geldern gefördert wird, steht das Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum nicht nur Pharmazeuten und Ärzten, sondern auch Patientinnen selbst beratend zur Seite«, so Schaefer mit Verweis auf das Internetportal www.embryotox.de, das im Oktober 2008 eröffnet wurde. »Bei uns finden Sie derzeit Informationen zu mehr als 400 Arzneimitteln«, bemerkte der Mediziner.

Diese Arzneimittel sind erste Wahl für Schwangere

Unterschied der Referent aus Arzneimittelsicht potenziell problematische Indikationen wie Akne, Epilepsie, Hypertonus, Psoriasis oder Rheuma von weniger problematischen Therapiegebieten wie Schmerzen, Asthma, Multiple Sklerose, Infektionen, Erbrechen oder Übelkeit, so nannte er als Analgetika der Wahl Paracetamol, Ibuprofen und gegebenenfalls Diclofenac. Die NSAID sollten nur bis zur 28. Woche genommen werden. Aber auch Paracetamol sollte in der Schwangerschaft nicht unkritisch längere Zeit appliziert werden.

Als Antiemetika der Wahl hob Schaefer Meclozin (seit 2007 nicht mehr in Deutschland auf dem Markt, aber importierbar) und Doxylamin plus Pyridoxin hervor. Bei Allergien könnten gegebenenfalls Loratadin oder Cetirizin, zur Antibiose Penicilline, Cephalosporine oder Fosfomycin, bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) Mesalazin, Sulfasalazin, Glucocorticoide, Azathioprin oder Ciclosporin zur Anwendung kommen.

Mittel der Wahl bei Epilepsie seien, wenn wirksam, Lamotrigin und Levetiracetam, bei Glaukom Timolol, Dorzolamid oder Brinzolamid, bei Migräne Sumatriptan beziehungsweise bei Refluxösophagitis Omeprazol. Als in der Schwangerschaft und Stillzeit sicheres Arzneimittel bei Schlafstörungen hat sich unter anderem Diphenhydramin erwiesen.

Schaefer betonte, dass sich die jeweilige Risikointerpretation eines Arzneimittels stets nach der klinischen Situation der Patientin richten muss. Hier sei äußerste Sensibilität gefragt. »Da ein Großteil aller Schwangerschaften ungeplant entsteht, empfiehlt es sich, im gesamten reproduktionsfähigen Alter etablierte, gut untersuchte Mittel zu bevorzugen«, sagte er.

Vorsicht vor diesen Medikamenten

Dringend warnte Schaefer unter anderem vor den in der Akne-Therapie weit verbreiteten Retinoiden, dem Immunsuppressivum Mycophenolat und dem Antiepileptikum Valproinsäure. »Diese Arzneistoffe gelten als unzweifelhaft starke Teratogene mit einem bis zu zehnfach erhöhten Risiko für grobstrukturelle Fehlbildungen unter anderem am Ohr, ZNS, Herzen, Skelett und Gaumen oder an den Extremitäten des Embryos«, sagte er. Auch versehentlich in der Frühgravidität verabreichte Zytostatika könnten zu körperlichen Schäden des Feten führen. Allergrößte Vorsicht sei auch bei Substanzen wie Androgenen, Carbamazepin, Cumarinderivaten, Penicillamin, Phenytoin oder Topiramat angezeigt, die als gesicherte Teratogene mit einem dreifach erhöhten Risiko für grobstrukturelle Schäden des Feten gelten. »Fehlbildungen als Nebenwirkungen beim ungeborenen Kind sind naturgemäß erst mit Latenz nachweisbar, ein Absetzen des Medikaments nach Diagnose kommt daher zu spät«, erläuterte Schaefer. Stets gelte es seitens des behandelnden Arztes sorgfältig den Nutzen gegen die Risiken abzuwägen.

»Mit Feststellung der Schwangerschaft befindet sich der Embryo bereits in der vulnerabelsten Phase seines Lebens«, konstatierte der Pädiater. Erscheinen die meisten Arzneimittel auch in der Muttermilch, so sei die entscheidende Frage, in welcher Menge sie vom gestillten Kind aufgenommen werden.

Einmaldosen tendenziell unproblematisch

Unabhängig von der relativen Dosis seien Einzeldosen »fast egal wovon« kein Problem. Spezielle Vorsicht sei jedoch immer bei Langzeitbehandlung, hohen Dosen oder der Kombination mehrerer Arzneimittel insbesondere in der Neonatalzeit, bei Frühgeborenen und bei kranken Neugeborenen geboten, da diese über eine noch unreife Blut-Hirn-schranke sowie nur geringe Enzymkapazitäten und eine verminderte Nierenfunktion verfügen.

Schaefer betonte, dass Stillpausen beziehungsweise Abstillen nach Narkosen (Kaiserschnitt) oder Lokalanästhesie (Zahnbehandlung) beziehungsweise nach der Gabe von Standardantibiotika, Glucocorticoiden oder aber hormonellen Kontrazeptiva nicht erforderlich sind. Bei Neueinstellung einer medikamentösen Therapie müsse stets bedacht werden, dass »nach der Schwangerschaft vor der Schwangerschaft« sein kann.

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