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Russische Corona-Impfstoff-Zulassung

Kritik am »Sputnik-Impfstoff«

Der weltweite Wettlauf um einen Corona-Impfstoff ist entschieden: Russland ist mit der ersten staatlichen Zulassung vorgeprescht und feiert seinen »Sputnik-Moment«. Doch die Zulassung wird im Rest der Welt kritisch betrachtet.
dpa
11.08.2020  17:40 Uhr

Als erstes Land der Welt hat Russland heute einen Impfstoff gegen das Coronavirus für die breite Anwendung in der Bevölkerung zugelassen. »Die russische Vakzine gegen das Coronavirus ist effektiv und bildet eine beständige Immunität«, sagte Kremlchef Wladimir Putin im Staatsfernsehen. Der Impfstoff trägt den Namen »Sputnik-V« und soll an den ersten Satelliten im All erinnern, den die Sowjetunion 1957 gestartet hatte – vor den USA. Der Chef des russischen Investmentfonds sprach kürzlich bereits von einem »Sputnik-Moment«: »Die Amerikaner waren überrascht, als sie Sputniks Piepen hörten. Mit diesem Impfstoff ist es genauso. Russland wird ihn als erstes haben«, sagte Kirill Dmitrijew dem US-Sender CNN.

Die Registrierung der Vakzine sei am Dienstagmorgen erfolgt, hieß es, Impfungen sollten in Kürze starten. Doch wichtige Tests stehen noch aus, weder die Wirksamkeit noch die Nebenwirkungen lassen sich derzeit fundiert beurteilen, da eine Phase-III-Studie noch fehlt. Der Vektorimpfstoff sei bislang an 50 Soldaten und Zivilisten getestet worden, die sich freiwillig gemeldet hätten, hieß es. Daten aus Phase-I- oder Phase-II-Studien sind bislang nicht publiziert. Dem Gesundheitsministerium in Moskau zufolge soll eine Phase-III-Studie mit etwa 2000 Freiwilligen parallel mit der Zulassung des Präparats beginnen.

Das entspricht nicht den internationalen Richtlinien. So stellte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Vorfeld klar: »Jeder Impfstoff muss natürlich alle Versuchsreihen und Tests durchlaufen, bevor er genehmigt und ausgeliefert wird.« Es gebe klare Richtlinien für die Entwicklung von Impfstoffen.

»Hochriskantes Experiment am Menschen«

International warnen Experten vor zu großer Eile. »Auch in der aktuellen Pandemiesituation ist es zwingend erforderlich, dass alle Prüfungen und Bewertungen mit der gleichen Sorgfalt erfolgen wie bei anderen Impfstoffen«, mahnte Professor Dr. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts im hessischen Langen. Zugelassen werden sollte ein Präparat nur dann, »wenn der gezeigte Nutzen mögliche Risiken deutlich überwiegt«. Bei dem Impfstoff in Russland lässt sich dies bislang nicht bewerten.

Kritik an dem Vorgehen Russlands wird aus verschiedenen Richtungen laut. So sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt,  der »Rheinischen Post«: »Die Zulassung eines Impfstoffs ohne die entscheidende dritte Testreihe halte ich für ein hochriskantes Experiment am Menschen.« Es dränge sich der Eindruck auf, dass es sich um eine populistische Maßnahme eines autoritär regierten Staates handele, der der Weltgemeinschaft seine wissenschaftliche Leistungsfähigkeit demonstrieren möchte, so Reinhardt. »Es ist unverantwortlich, ganze Bevölkerungsgruppen bereits in diesem Stadium der Entwicklung zu impfen.«

Auch aus den USA kommt Kritik an der frühen Zulassung: »Aktuell würde ich ihn nicht nehmen, ganz sicher nicht außerhalb einer klinischen Versuchsreihe«, sagte Scott Gottlieb, der frühere Chef der US-Arzneimittelbehörde FDA, im US-Fernsehen. »Sie sind uns sicher nicht voraus und wir würden zum jetzigen Zeitpunkt keinen Impfstoff zur breiten Verteilung freigeben«, sagte er mit Blick auf den Entwicklungsstand der russischen Vakzine. Professor Dr. Florian Krammer, Virologe am New Yorker Krankenhaus Mount Sinai, schrieb bei Twitter: »Niemand weiß, ob es sicher ist oder ob es funktioniert. Sie bringen die Mitarbeiter im Gesundheitswesen und ihre Bevölkerung in Gefahr.«

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