Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Patienten steuern  – aber wie?
-
KBV setzt auf »Primärarztsystem«

Praxen entlasten durch effiziente Patientensteuerung – das wollen im Zuge des geplanten Primärversorgungssystems wohl alle. Über das Wie wird gestritten, etwa beim heutigen KBV-Mittagstalk. Die Ärzteseite pocht auf Verbindlichkeit und favorisiert ein »Primärarztmodell«, die Kassen setzen auf Digitalisierung.
AutorKontaktCornelia Dölger
Datum 08.09.2026  15:50 Uhr

Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), eröffnete den heutigen Talk mit gewohnt markigen Worten. Reformen bei der Patientensteuerung seien nötig, es brauche Wege, um nach Bedarf zu versorgen, nicht nach Bedürfnis. Die KBV wolle hierfür keinen »Wellenbrecher vor der Versorgung« etablieren, sondern eine inhaltliche Verbesserung, die vor allem auf eine ärztliche Ersteinschätzung und auf Verbindlichkeit setze.

»Krude und wenig sachgemäß« werde Geld ins ambulante System eingeschleust, kritisierte Gassen. Nichtärztliche Angebote von Apotheken, Drogerien oder Discountern seien diesbezüglich ein »Irrweg«. Die Ärzteseite spreche daher weiterhin von einem Primärarztsystem, nicht von der Primärversorgung, wie es inzwischen in der Politik Gepflogenheit sei. Gassen zeigte sich darüber skeptisch bei digitalen Kanälen wie der elektronischen Patientenakte (ePA); diese sei etwa für nötige strukturierte Überweisungen »nicht geeignet«. Eine effiziente Steuerung könne zudem nur mit Verbindlichkeit gelingen.  Die Angst der Politik davor sei unberechtigt.

So eingestimmt begannen die Gesprächspartner Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), sowie KBV-Vize Stephan Hofmeister die von »Tagesspiegel«-Redaktionsleiter Thomas Trappe moderierte Diskussion.

Stoff-Ahnis verwies dabei auf die aktuellen Wahlen in Sachsen-Anhalt, bei denen die rechtsextreme AfD haushoch gewonnen hatte. Das Wahlergebnis zeige auf, dass es für die Politik nicht leicht sei, den Menschen die Notwendigkeit von Reformen nahezubringen; dies verdeutliche auch die Diskussion über das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz.

Die Pläne seien für die Menschen »wenig erfreulich«, verfolgten aber das Ziel, die Versorgungssituation zu verbessern, so Stoff-Ahnis. Der neue Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) habe also ein »denkbar positives Gestaltungsthema«. Die Wahl in Sachsen-Anhalt zeige, dass das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in das Gesundheitssystem und in nötige Reformvorhaben wichtig sei.

Die Regierung stehe vor großen Herausforderungen, ergänzte Hofmeister. Es gebe drängende Probleme, nachhaltige Lösungen seien gefragt, für Patienten, aber auch für die Versorgenden. Die Leistungserbringer müssten wieder mehr gehört werden – nicht, weil sie »Nutznießer des Systems« seien, wie Hofmeister bemerkte, sondern weil sie »liefern müssen«.

Von dem Credo, dass medizinische Versorgung als umfassendes Angebot wahrgenommen werde, das immer, überall und zu jedem Anlass bereitstünde, müsse abgerückt werden, der Anspruch müsse »vom Kopf auf die Füße gestellt werden«, so Hofmeister.

An den neuen Bundesgesundheitsminister, der heute vereidigt wurde, richtete Hofmeister die Erwartung, dass er die Ärzteschaft unterstütze.  Die KBV hat schon vor Längerem eigene Pläne für ein Primärversorgungsmodell vorgelegt. Es sieht vor, dass die Patientensteuerung mit Ausnahmen durch haus- und kinderärztliche Praxen erfolgen soll. Ergänzend kann demnach die 116117 als zentrale Anlaufstelle für Akut-, Notfall- und Bereitschaftsversorgung sowie für Menschen ohne festen, steuernden Arzt dienen. Ziel sei eine koordinierte Versorgung aus einer Hand. Eine vor allem digitale Ersteinschätzung, wie der GKV-Spitzenverband sie favorisiert, lehnen die Ärzte ab. Die Steuerungsaufgaben der Praxen wollen sie zusätzlich vergütet haben.

Mehr von Avoxa