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Zolgensma™ unter Beschuss

Ist dieses Medikament zwei Millionen Dollar wert?

Noch ist Onasemnogen Abeparvovec (Zolgensma™) in der EU nicht zugelassen. Aber das ist nur noch eine Frage der Zeit. Den Krankenkassen und der Politik bereitet Zolgensma schon jetzt Kopfschmerzen. Schließlich ist es das derzeit teuerste Medikament.
Theo Dingermann
02.12.2019
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Zolgensma ist ein Gentherapeutikum. Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat diesem neuartigen Arzneimittel die Zulassung zur Behandlung von Patienten erteilt, die an einer spinalen Muskelatrophie 1, kurz SMA1, leiden.

Diese Patienten sind in aller Regel Säuglinge und Kleinkinder, denn bei der SMA handelt es sich um eine Erbkrankheit. Durch einen Gendefekt fehlt den Betroffenen der Nervenschutzfaktor SMN1 (Survival-of-Motorneurons-Genes 1). Als Konsequenz entwickeln die Kinder eine kaum aufzuhaltende neuromuskuläre Erkrankung. So ist das Leben der kleinen Patienten meist sehr kurz und das Leiden sehr groß: 75 Prozent der SMA1-Patienten sind nach 13,6 Monaten verstorben oder benötigen eine permanente Beatmung.

Erfreulicherweise kann man diesen Kindern nun seit zwei Jahren tatsächlich helfen. Und es deutet sich an, dass man künftig sogar zwischen zwei Optionen wählen kann: Bereits seit Mitte 2017 ist Nusinersen (Spiranza®) zugelassen. Nun ist mit Zolgensma zumindest in den USA ein zweites Arzneimittel für die gleiche Indikation verfügbar. Die beiden Wirkstoffe entfalten ihre Wirkung allerdings auf sehr unterschiedliche Weise. Aus den verschiedenen Therapiestrategien resultiert das derzeit sehr emotional diskutierte Preisproblem.

Der gentherapeutische Ansatz

Onasemnogen Abeparvovec (Zolgensma) ist ein Vertreter der neuen, aber schnell wachsenden Gruppe der Gentherapeutika. Der Wirkstoff besteht aus Kapsiden des unbehüllten Adeno-assoziierten Virus vom Serotyp 9 (AAV9), dessen virales Genom eine Kopie des SMN1-Gens integriert enthält. Das Virus ist nicht replikationsfähig, aber es ist in der Lage, die Blut-Hirn-Schranke zu passieren und permissive Zellen des Zentralnervensystems (ZNS), darunter Astrozyten und Neuronen, effizient zu infizieren.

Zolgensma wird als Suspension in Form einer Einmaldosis intravenös appliziert. Nach Überqueren der Blut-Hirn-Schranke infiziert das Virus unter anderem Motoneuronen, die als spezialisierte Nervenzellen die Bewegungen von Muskeln steuern. So gelangt ein humanes SMN-Gen in die Zellkerne der Motoneuronen, wo es die Funktion des fehlenden oder funktionslosen endogenen Gens ersetzt. Allerdings wird im Rahmen dieser Gen-Ersatztherapie die DNA nicht in die Wirtszell-DNA integriert. Sie liegt vielmehr in den Zellkernen als stabiles Episom vor. Dies hat große Sicherheitsrelevanz, da so ein Restrisiko für eine gefährliche Insertionsmutagenese vermieden wird.

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