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SARS-CoV-2

Impfung triggert bessere Immunität als Infektion

Mehrere Covid-19-Impfstoffe stehen kurz vor der Zulassung. Sie sollen bewirken, was eine natürliche Infektion nicht schafft: eine dauerhafte Immunität zu induzieren. Experten sind optimistisch. Doch noch ist unklar, wie ein effektiver Immunschutz auszusehen hat. 
Christina Hohmann-Jeddi
29.10.2020  16:30 Uhr

Das Immunsystem ist bei einer SARS-CoV-2-Infektion ein zweischneidiges Schwert. Springt das angeborene Immunsystem rasch und effizient an, kann das Virus schon früh unschädlich gemacht werden. Darauf sind wohl die milden Verläufe von Kindern zurückzuführen. Bei einem Teil der Infizierten kommt es jedoch zu einer überschießenden Immunreaktion. »Die schweren Verläufe von Covid-19 mit Lungenentzündung und Beatmungspflicht sind im Prinzip ein Ergebnis der Immunreaktion und nicht primär einer unkontrollierten Virusvermehrung«, sagte Professor Dr. Leif-Erik Sander von der Charité in Berlin bei einer Veranstaltung des »Science Media Center Germany«.

Die Viruslast unterscheide sich nämlich bei Patienten mit milden Symptomen kaum von der bei Patienten mit schwerem Verlauf. Bei anderen Infektionserkrankungen könne man an der unkontrollierten Virusreplikation und den verursachten Schäden sterben, bei dem neuen Coronavirus scheine dies nicht der Fall zu sein, sagte der Mediziner.

Anders als der häufig verwendete Begriff »Zytokinsturm« nahelege, handele es sich bei der schädlichen Immunreaktion aber nicht nur um eine Entzündungsreaktion, sondern auch um eine Gewebereaktion. Es komme zu einem Umbau des Lungengewebes, was letztlich den Gasaustausch erschwere. Was genau bei der Immunreaktion schieflaufe und welcher molekulare Schalter für das Einschlagen der falschen Richtung verantwortlich sei, sei noch nicht geklärt. »Daran arbeiten extrem viele Gruppen«, sagte Sander. Ein Ziel der Impfstoffentwicklung sei es, das Virus so früh zu eliminieren, dass es gar nicht erst eine überschießende Immunreaktion auslösen könne.

Sinkende Antikörpertiter nach Infektion

Dabei soll eine Impfung auch das schaffen, was eine natürliche Infektion offenbar nicht kann: eine dauerhafte Immunität zu induzieren. Verschiedenen Studien zufolge sinken die Antikörpertiter nach einer SARS-CoV-2-Infektion rasch wieder. Auch die Erfahrungen mit den harmlosen Erkältungscoronaviren zeigten, dass man sich im Schnitt jedes Jahr wieder mit ihnen infizieren könne, sagte Professor Dr. Jacob Nattermann vom Universitätsklinikum Bonn.

»Das scheint allgemein für Coronaviren zu gelten. Auf eine Jahre währende postinfektiöse Immunität muss man nicht bauen«, so Nattermann. Ein eventuell noch vorhandener Immunschutz könne allenfalls bei einigen Genesenen im Fall einer erneuten Infektion einen schweren Verlauf verhindern. Er riet daher allen Personen, die bereits eine SARS-CoV-2-Infektion durchgemacht haben, sich wie alle anderen an die AHA+L-Regeln zu halten, um sich vor Reinfektionen zu schützen: Abstand halten, Hygienemaßnahmen beachten, Alltagsmaske tragen und regelmäßig lüften. Auch wenn man selbst eventuell nicht schwer erkranke, könne man das Virus übertragen und damit andere gefährden.

Wie gut man nach einer SARS-CoV-2-Infektion geschützt sei, hänge auch von der Krankheitsschwere ab, sagte Sander. Schwer erkrankte Covid-19-Patienten wiesen in der Regel nach der Infektion höhere Antikörpertiter auf als Patienten mit milden Symptomen. Auch bei den Einzelfällen von Reinfektionen, die bereits berichtet wurden, hätten die Personen meist bei der ersten Infektion nur einen milden Verlauf gehabt und zum Teil gar keine Antikörper gebildet. Entsprechend waren sie vor einer zweiten Infektion nicht geschützt.

Wie Nattermann sieht auch Sander die Möglichkeit, dass SARS-CoV-2 endemisch werden und jedes Jahr wiederkommen könnte, dass man aber zumindest vor schweren Verläufen einer Infektion eine Weile lang geschützt ist. Sander zweifelte aber an, dass durch einen Immunschutz aufgrund von natürlichen Infektionen eine Herdenimmunität erreicht werden könnte, wie das häufig vorgeschlagen wird. »Das ist bislang noch für keine Infektionskrankheit gelungen«, sagte der Mediziner. Durch Impfung ließe sich dagegen schon eine gewisse Herdenimmunität erreichen.

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