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TK-Innovationsreport

Impf-Vergesser erinnern

Die neuen Arzneimittel sind insgesamt teurer und weniger innovativ. Und auch beim Impfen gibt es Nachbesserungsbedarf. Das zeigt der Innovationsreport 2019, den die Techniker Krankenkasse (TK) heute zum siebten Mal in Berlin vorgestellt hat.
Jennifer Evans
01.10.2019
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Neue Medikamente werden immer spezialisierter. Das hält TK-Chef Jens Baas für eine »enorme Schwachstelle« in der Arzneimittel-Entwicklung. Der Industrie wirft er vor, nur in Bereichen mit hoher Rendite zu forschen. Denn bei Wirkstoffen zur Behandlung seltener Krankheiten etwa seien die Zulassungshürden niedriger und damit die Markteinführung leichter. Als Beispiel führt er die Behandlung des Multiplen Myeloms (Tumor im Knochenmark) an. »Der eine Antikörper ist als Orphan Drug zugelassen – der andere nicht.« Das Ergebnis seien häufig höhere Preise für jene Medikamente, die zur Behandlung seltener Krankheiten zugelassen sind. Baas fordert stattdessen mehr Innovationen im Bereich der Antibiotika, um künftig die Ausbreitung multiresistenter Keime zu verhindern.

Bei der Bewertung von 21 der insgesamt 31 im Jahr 2016 neu eingeführten Arzneimittel war die TK diesmal streng: Mehr als der Hälfte der Präparate gaben die Wissenschaftler um Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen eine rote Ampel, also die schlechteste Note. Im letzten Report aus dem Jahr 2018 waren es nur etwa 30 Prozent. »Dass wieder mehr Arzneimittel keine Verbesserung zu bereits verfügbaren Therapien darstellen und keinen Zusatznutzen aufweisen, ist kein erfreuliches Signal«, bemängelt Baas. Fünf Arzneimittel überzeugten jedoch und erhielten die grüne Ampel. Die beiden Wirkstoffe Daratumumab und Elotuzumab zur Behandlung des Multiplen Myeloms seien »echte therapeutische Innovationen«, so der TK-Chef. Dasselbe gelte für die Wirkstoffkombination Sacubitril/Valsartan, mit der chronische Herzinsuffizienz behandelt wird. Ebenso zeige der Impfstoff gegen humane Papillomviren einen echten Zusatznutzen. Für die TK war das ein Anlass, dem Thema Impfen ein Sonderkapitel des Reports zu widmen.

Baas zufolge existieren nämlich viele Unsicherheiten rund ums Impfen. Um Fehlinformationen aus dem Weg zu räumen, plädiert er für gute Kommunikation. Denn die Auswertung der Impfziffern von im Jahr 2016 geborenen Kindern zeigten, dass die Hälfte bis zu ihrem zweiten Geburtstag nicht vollständig gegen Masern, Keuchhusten, Windpocken und Co. geimpft sei. Ihnen fehlten also Teilimpfungen. Baas sieht Bedarf für Verbesserung auch in puncto Sensibilisierung der Eltern. »Impfungen nachzuholen, ist kein Problem«, so der TK-Chef. Daher pocht er darauf, dass die Kassen künftig Eltern »proaktiv und nachhaltig auf vergessene Impfungen hinweisen dürften – am liebsten natürlich auf dem digitalen Weg«. Damit will er die Impfquoten hierzulande langfristig verbessern. Seine Forderung belegt auch eine Forsa-Umfrage im Auftrag der TK von September 2019. Knapp jeder Fünfte der rund 1000 Befragten fühlt sich demzufolge weniger gut oder schlecht über das Thema Impfen informiert. Und etwa jeder Achte besitzt keinen Impfpass. »Diese Quoten sind zu hoch, wenn wir zusammen einen Gemeinschaftsschutz mit einer Impfquote von mindestens 95 Prozent erreichen wollen«, resümiert Baas.

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