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TK-Innovationsreport

Neuer Pharmadialog muss her

Seit 2015 sind wieder mehr Arzneimittel mit einem attestierten Zusatznutzen auf den Markt gekommen. Das hebt die Techniker Krankenkasse (TK) in ihrem Innovationsreport 2018 hervor, der heute in Berlin vorgestellt wurde. Doch es gibt auch Kritik: Zu oft findet die Forschung demnach an der falschen Stelle statt und die Medikamentenpreise sind weiterhin zu hoch. Die TK fordert einen zweiten Pharmadialog.
Jennifer Evans
24.10.2018
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Der Report hat 32 Wirkstoffe unter die Lupe genommen, die im Jahr 2015 auf den Markt gekommen sind. Anhand der Zahl ihrer Verordnungsdaten galt es herauszufinden, welche Bedeutung den neuen Präparaten mit Blick auf eine verbesserte Therapie sowie einem möglichen Zusatznutzen für die Betroffenen zukommt. Auch ging es darum zu klären, ob die Kosten dem Innovationsgrad der Medikamente gerecht werden.

Mithilfe eines Ampelschemas bewertete der Report die Präparate. Insgesamt sieben Mittel bekamen die grüne Ampel, 15 eine gelbe und zehn eine rote Ampel. Das Ergebnis sei deutlich besser als im Vorjahr, betonte TK-Chef Jens Baas. Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen, dessen Team die Untersuchung für die TK leitete, erklärte: »Fortschritte sehen wir im Bereich der Krebstherapie der akuten lymphatischen Leukämie und des multiplen Myeloms. Auch bei der Behandlung der Mukoviszidose zeigt ein Medikament einen deutlichen Zusatznutzen.«

Seit Einführung des Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetzes im Jahr 2011 müssen Hersteller den Zusatznutzen eines neuen Medikaments nachweisen. Der Gemeinsame Bundesausschuss bewertet diesen auf Basis der Ergebnisse des für die frühe Nutzenbewertung zuständigen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen.

Allerdings stößt die TK-Ampel beim Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) auf Unmut. Das System beurteile neue Arzneimittel schlechter als andere Instanzen im Gesundheitswesen, heißt es. »Alles bei der TK wirkt wie eine Blaupause zur Einschränkung des Versorgungsniveaus gesetzlich Versicherter«, bemängelt vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer.

Preise nach wie vor zu hoch

Die Reportergebnisse zeigen, dass nur zwei der untersuchten Arzneimittel günstiger als die zweckmäßige Vergleichstherapie waren. Nach Auffassung des Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Professor Wolf-Dieter Ludwig, spiegeln die Preise nicht die Kosten für Forschung und Entwicklung oder den Zusatznutzen eines Präparats wider. Stattdessen zeigten sie die Bereitschaft der Industrienationen, tief in die Tasche zu greifen. Die Ausgaben für Medikamente werden im Jahr 2018 erneut um 5 bis 6 Prozent steigen, schätzt Baas. Kostentreiber sind demnach die extrem teuren Kombinationstherapien gegen Krebs. Fischer sieht das anders: Angesichts der schwere und der Vielzahl der Krebserkrankungen hält sie es für zynisch, dass die TK Forschungen in der Onkologie als »Forschung an der falschen Stelle« bezeichnet.

Darüber hinaus ist der Kasse ein Dorn im Auge, dass die meisten Pharmaunternehmen ihre Forschungen etwa für neue Therapien von Alzheimer-Demenz völlig eingestellt haben. Ein Sonderkapitel widmet der Report daher diesem Thema und unterstreicht, dass die derzeit verfügbaren Medikamente zwar das Fortschreiten dieser Erkrankung verlangsamen, sie aber weder aufhalten noch heilen. Betroffene würden vorrangig mit Beruhigungsmitteln wie Neuroleptika und Benzodiazepinen behandelt, heißt es.  »Diese gravierende Fehlversorgung mit Beruhigungsmitteln und die gleichzeitige Unterversorgung mit Antidementiva lässt sich nicht mit den medizinischen Leitlinien erklären. Im Gegenteil: Hier liegt der Verdacht nahe, dass demente Menschen einfach ruhiggestellt werden, statt sie richtig zu behandeln«, so Glaeske.

Der vfa betonte hingegen, dass derzeit sehr wohl im Bereich Alzheimer-Demenz geforscht wird. Fischer zufolge sind rund ein Viertel der Mitgliedsfirmen des Verbands damit befasst.

Angesichts der Untersuchungsergebnisse fordert Baas einen neuen Pharmadialog, der die Industrie zu Forschungen auf jenen Gebieten drängt, in denen neue Präparte benötigt werden – und nicht dort ansetzt, wo die größten Gewinne lauern. »Hier muss die Politik für die Zukunft praktikable Lösungen finden. Wir brauchen eine Regelung, um gute Preise für gute Medikamente zu bezahlen und nicht hohe Preise für schlechte Medikamente.« Den ersten Pharmadialog zwischen Wissenschaft, Politik und Industrie gab es ab dem Jahr 2014.

Foto: Fotolia/OFC Pictures

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