▶ Amitriptylin
hat ein ausgeprägtes anticholinerges Potenzial. Wie bei den Anticholinergika wird die Nebenwirkung Mundtrockenheit therapeutisch genutzt. Amitriptylin hat eine vergleichbare Affinität zu allen Muskarinrezeptoren, wobei die Affinität zu den M4-Rezeptoren etwas höher ist. Die Anwendung wurde bei Patienten mit Clozapin-induzierter Sialorrhö und ALS beschrieben (14, 16). Zudem kann Amitriptylin eingesetzt werden bei Patienten mit ALS, die neben einer Pseudohypersalivation auch unter Depressionen, Affektinkontinenz oder pathologischem Lachen/Weinen leiden.
▶ Botulinumtoxin (Clostridium botulinum Neurotoxin Typ A, frei von Komplexproteinen; Xeomin®)
ist zugelassen zur Behandlung der chronischen Sialorrhö aufgrund von neurologischen Erkrankungen und Entwicklungsstörungen bei Erwachsenen sowie bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 2 bis 17 Jahren und einem Körpergewicht ab 12 kg (35).
Botulinumneurotoxin wird minimalinvasiv in die Ohrspeichel- und Unterkieferspeicheldrüsen beider Seiten injiziert. Dadurch wird die präsynaptische Freisetzung von Acetylcholin im neurosekretorischen Spalt der Speicheldrüsen reversibel gehemmt, was wiederum die Speichelproduktion drosselt. Die Anwendung ist grundsätzlich sicher und anticholinerge Nebenwirkungen sind seltener als bei Anticholinergika. Die Diffusion von Botulinumtoxin in die umgebende Muskulatur kann eine Muskelschwäche mit Schluck- oder Sprachstörung auslösen, wobei dies bei einer ultraschallgesteuerten Injektion seltener vorkommt (36). Die Injektionen sollen frühstens nach 16 Wochen wiederholt werden.
Eine einfühlsame und umfassende pharmazeutische Beratung hilft den Patienten und ihren Angehörigen, besser mit dem belastenden Speichelfluss umgehen zu können. Dafür ist es notwendig, dass das Apothekenteam die zur Behandlung eingesetzten Wirkstoffe und den zulassungsüberschreitenden Gebrauch kennt. Zumindest bei der ersten Off-Label-Verordnung sollte die Indikation geklärt werden.
Unerlässlich ist es, Patienten und Angehörige über die Indikation und die korrekte Applikationsart aufzuklären, um die Adhärenz zu fördern. Sie müssen verstehen, dass die Dosis nach Effekt und minimalen Nebenwirkungen titriert wird. Ebenso ist es eine wichtige pharmazeutische Aufgabe, über das Nebenwirkungspotenzial von Anticholinergika aufzuklären (6) und auf die Kombination mehrerer anticholinerg wirksamer Arzneistoffe, besonders bei geriatrischen Patienten, zu achten.
Bei einem Off-label-Use muss das Nutzen-Risiko-Verhältnis stets positiv sein. Daher wird die Therapie genau überwacht, zum Beispiel durch Beobachten der Intensität und Frequenz der Sialorrhö, Gespräche mit und Bewertung durch die Betroffenen und/oder mit unterschiedlichen Scores wie Teacher Drooling Scale oder Drooling Severity and Frequency Scale.
Ein weites Feld ist die fundierte pharmazeutische Beratung von Ärzten und Pflegepersonal, vor allem wenn bekannte Therapieoptionen weniger geeignet sind oder nicht gut wirken. Wer unterschiedliche Therapieoptionen und »alternative« Applikationswege kennt, hat hierfür eine solide Grundlage.
Aleksandra Dukic-Ott studierte Pharmazie an der Universität Belgrad, Serbien. Es folgten ein Masterstudium sowie eine Promotion an der Universität Gent, Belgien, im Fach Pharmazeutische Technologie. Seit 2014 arbeitet Dukic-Ott, Fachapothekerin für klinische Pharmazie, in der Apotheke des LMU Klinikums. Seit 2021 beschäftigt sie sich zusätzlich im Kompetenzzentrum Palliativpharmazie schwerpunktmäßig mit dem Off-Label-Einsatz von Arzneimitteln in der Palliativmedizin und dem Aufbau der pall-OLU.de-Datenbank.
Stefanie Pügge ist Fachapothekerin für klinische Pharmazie. Sie hat Pharmazie an der TU Braunschweig studiert. Nach ihrer Tätigkeit als Apothekerin im Städtischen Klinikum Braunschweig war sie als pharmazeutische Projektkoordinatorin bei Apotheker ohne Grenzen beschäftigt und leitete dort die internationalen Projekte. Seit 2021 befasst sie sich am Kompetenzzentrum Palliativpharmazie mit dem Off-Label-Einsatz von Arzneimitteln und promoviert zu einem Thema in diesem Bereich.