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Sialorrhö
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Hoch belastend und bedrohlich

Übermäßiger Speichelfluss belastet die Betroffenen und ihre Angehörigen erheblich. Apotheker können ihnen wertvolle Hilfe geben – gerade, weil die Medikamente bei Hypersalivation überwiegend off Label eingesetzt werden. Eine umfassende Beratung stärkt auch die Arzneimitteltherapiesicherheit.
AutorKontaktAleksandra Dukic-Ott
AutorKontaktStefanie Pügge
Datum 01.03.2026  08:00 Uhr

Medikamente und andere Therapieoptionen

Die Behandlung richtet sich in erster Linie nach der Ursache und dem Ausmaß des vermehrten Speichelflusses sowie den individuellen Bedürfnissen und Risiken des Patienten.

Im Allgemeinen sollen zuerst die modifizierbaren Ursachen, einschließlich Arzneimitteln als Auslöser, minimiert werden. Bei Schluckstörungen wird frühzeitig eine funktionelle Dysphagie-Therapie eingeleitet. Kieferorthopädische Maßnahmen können Patienten mit Zahn- oder Kieferfehlstellungen helfen. Eine wesentliche Option bieten Medikamente, zum Beispiel anticholinerg wirksame Arzneimittel oder minimalinvasive Injektionen von Botulinumtoxin in die Speicheldrüsen. Nur bei unzureichendem Ansprechen oder Versagen aller anderen Therapieoptionen werden operative Maßnahmen oder eine Radiotherapie (Bestrahlung der Speicheldrüsen) als letzte Option erwogen (1).

Je nach Grunderkrankung und Behandlungskonzept ist häufig ein interdisziplinäres Team gefordert.

Abgesehen von wenigen Ausnahmen erfolgt die medikamentöse Behandlung der Sialorrhö im Off-Label-Use, also außerhalb der Zulassung. Die Abweichung kann sich sowohl auf eine Indikation als auch auf Applikationsart, Patientengruppe, Dosierung oder Therapiedauer beziehen (37). Dabei sind haftungsrechtliche und kostenerstattungstechnische Aspekte sowie die Arzneimitteltherapiesicherheit zwingend zu beachten. In der Praxis bedeutet das:

  • Aufklärung des Patienten über den Off-Label-Use und dessen Dokumentation mit Begründung, warum die zugelassenen Alternativen nicht geeignet sind, sowie
  • Festlegung des Therapieziels und Maßnahmen zur Therapieüberwachung, um die Wirksamkeit des Off-Label-Use zu beurteilen.

Es werden Medikamente eingesetzt, bei denen Mundtrockenheit als sehr häufige Nebenwirkung auftritt. Diese entsteht durch die Blockade cholinerger M3-Rezeptoren, die die Produktion von wässrigem Speichel anregen. In der Regel handelt es sich sowohl um Anticholinergika (Parasympatholytika) als auch um andere Arzneistoffe mit anticholinerger Wirkung, zum Beispiel Amitriptylin. Bei den Anticholinergika unterscheidet man nach ihrer Struktur tertiäre (Beispiele: Atropin, Scopolaminhydrobromid und Tropicamid) und quartäre Ammoniumverbindungen (Beispiele: Butylscopolamin-, Glycopyrronium-, Ipratropium- und Tiotropiumbromid).

Die strukturellen Unterschiede beeinflussen das Nebenwirkungsprofil. So durchdringen die tertiären Ammoniumverbindungen die Blut-Hirn-Schranke, was zu zentralnervösen Nebenwirkungen wie Delir, Sedierung oder Krämpfen führen kann. Quartäre, also positiv geladene Ammoniumverbindungen durchdringen die Blut-Hirn-Schranke hingegen nicht, weshalb zentralnervöse Nebenwirkungen weniger stark ausgeprägt sind.

Die Anwendung von Anticholinergika ist aufgrund vieler anticholinerger Nebenwirkungen und Kontraindikationen eingeschränkt. So ist die Anwendung beispielsweise bei Patienten mit Glaukom, gastrointestinaler Obstruktion, intestinaler Atonie, paralytischem Ileus, toxischem Megakolon, Myasthenia gravis oder Harnverhalt in der Vorgeschichte grundsätzlich kontraindiziert. Häufige oder sehr häufige Nebenwirkungen sind Schwindel, Schläfrigkeit, Kopfschmerzen, Reflux, Verstopfung, Übelkeit, Tachykardie, Hauttrockenheit und -rötung, Sehstörungen oder Harnretention.

Tabelle 2 listet die in Deutschland häufig verwendeten Wirkstoffe mit ihren typischen Dosierungen und Applikationsarten auf. Glycopyrroniumbromid und Botulinumtoxin (Clostridium botulinum Neurotoxin Typ A) sind die einzigen für Sialorrhö zugelassenen Wirkstoffe. Weiterführende Informationen zur Evidenz im palliativmedizinischen Kontext finden sich in der Datenbank pall-OLU.de (Kasten).

Wirkstoff Applikationsweg und Dosierung bei Erwachsenen
Tertiäre Ammoniumverbindungen
Atropin Augentropfen 0,5 Prozent (5 mg/ml): 8 Tropfen sublingual, bei Bedarf alle 4 h (Dosis: circa 0,2 mg/Tropfen und 1,6 mg/Dosis) oder nach Effekt titrieren
Scopolaminhydrobromid transdermal, 1 Pflaster/72 h
Pirenzepin 50 mg peroral, bis zu 3× täglich
Tropicamid Augentropfen 0,1 Prozent (1 mg/ml): 1 bis 2 Tropfen abends in beide Wangentaschen (Tagesdosis 0,2 mg)
Quartäre Ammoniumverbindungen
Glycopyrroniumbromid peroral: initial 0,2 mg, dann alle 8 h, bei Bedarf Dosis stufenweise alle 2 bis 3 Tage bis auf 1 mg (maximal. 2 mg) alle 8 h erhöhen
subkutan: 0,1 bis 0,2 mg alle 8 h, 0,6 bis 1,2 mg/12 h als kontinuierliche subkutane Infusion
Butylscopolaminbromid initial 20 mg subkutan, 4× täglich
Ipratropiumbromid 1 bis 2 Sprühstöße sublingual bis 4× täglich (1 Sprühstoß: 21 µg)
Tiotropiumbromid 2 Sprühstöße lokal in die Mundhöhle (1 Sprühstoß: 2,5 µg)
Sonstige Wirkstoffe
Amitriptylin initial abends 10 mg peroral
bei guter Verträglichkeit nach Ansprechen erhöhen: nach 3 bis 7 Tagen auf 25 mg oder 3× täglich 10 mg peroral, weiter steigern bis auf 25 bis 50 mg bis zu 3× täglich
Botulinumtoxin (Clostridium botulinum Neurotoxin Typ A) 100 Einheiten pro Behandlungssitzung
Tabelle 2: Medikamentöse Therapieoptionen bei Sialorrhö; Referenzen zu Applikations- und Dosierungshinweisen siehe OLU-Arzneistoffmonografien

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