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SARS-CoV-2

Herdenimmunität nicht in Sicht

Die Unsicherheit der Daten

Aussagen zur Herdenimmunität für eine bestimmte Population basieren auf Daten aus serologischen Antikörper-Tests. Diese Tests haben den Vorteil, dass auch Menschen erfasst werden, deren Infektion möglicherweise asymptomatisch verlief, sodass sie gar nichts davon wussten. Ein Nachteil besteht darin, dass viele Tests noch unpräzise sind und falsche Resultate liefern, weshalb es wichtig ist, bei der Bewertung von Zahlen die Zuverlässigkeit des eingesetzten Tests zu berücksichtigen.

Die Schwelle der Herdenimmunität kann abhängig von Faktoren wie Bevölkerungsdichte und Grad an sozialer Interaktion von Ort zu Ort leicht unterschiedlich sein. Stellt sich heraus, dass sich die Krankheit leichter ausbreitet als derzeit angenommen, müsste die Zahl nach oben korrigiert werden. Sollte die Wahrscheinlichkeit zur Infektion bei Exposition mit der Krankheit stark schwanken, könnte der Schwellenwert sinken. Diesem Aspekt wird aktuell besondere Aufmerksamkeit geschenkt, da sich etliche Studien mit der Bedeutung des Dispersionsfaktor κ beschäftigen. Aber im Durchschnitt, so Experten, bedarf es bei SARS-CoV-2 mindestens 60 Prozent Immunität in der Bevölkerung, um die Ausbreitung zu verhindern.

Zudem ist immer noch nicht stichhaltig bewiesen, dass eine durchgemachte Infektion die Menschen sicher davor schützt, ein zweites Mal zu erkranken. Diese Annahme ist aber die Voraussetzung für alle Schätzungen zur Herdenimmunität. Diese Unsicherheit ist allerdings nach Meinung vieler Experten mittlerweile eher als ein Restrisiko einzuschätzen.

Herdenimmunität ist kein sicherer Schutz

Selbst dann, wenn in einer Population die Herdenimmunitäts-Schwelle erreicht ist, können immer noch einige Menschen erkranken. Denn das Risiko, infiziert zu werden, ist immer gleich. Was sich deutlich ändert, wenn Herdenimmunität vorliegt, ist die Wahrscheinlichkeit einer Exposition. Der Weg zur Herdenimmunität ohne Verfügbarkeit sicherer Impfstoffe und/oder wirksamer Medikamente ist nach Auffassung einer überwältigenden Mehrheit von Experten und Medizinethikern nicht gangbar.

Zudem ist noch unklar, wie tödlich das Virus ist. Serologische Studien sind sicher wichtige Informationsquellen, um einigermaßen verlässlich die durchschnittliche Letalität abschätzen zu können. Gegenwärtige Schätzungen für die Letalitätsrate einer SARS-CoV-2-Infektion sind grob. Offizielle Fallzahlen, die sich auf Tests stützen, unterschätzen das wahre Ausmaß der Infektionen in der Bevölkerung, was derzeitige Korrelationen zwischen Infektionszahlen und Todesraten wertlos macht. Zuverlässige Kalkulationen sind erst dann möglich, wenn ausreichend große Populationen zuverlässig serologisch getestet wurden.

In New York City, wo laut Antikörpertests bis zum 2. Mai circa 20 Prozent der Menschen mit dem Virus infiziert und bis dahin mehr als 18.000 Menschen gestorben waren, errechnet sich eine momentane Sterblichkeitsrate von etwa 1 Prozent. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die Epidemie in New York chaotisch verlief und mit Sicherheit die Mehrzahl der schwer Erkrankten in dieser Phase nicht optimal behandelt werden konnte.

Aber selbst bei derzeit verfügbaren optimalen Behandlungsbedingungen muss bei optimistischer Betrachtung von mindestens 0,1 Prozent Todesrate ausgegangen werden. Für Deutschland wären dies in absoluten Zahlen mehr als 80.000 Todesfälle. Wer will so etwas verantworten?

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