| Melanie Höhn |
| 02.09.2026 12:30 Uhr |
Hämophilie ist eine seltene Erkrankung, bei der Versorgungssicherheit, Schnelligkeit und Therapietreue eine besonders große Rolle spielen, sagt der Apotheker Nicolas Della Seta. / © Adobe Stock/auremar/Phovoir
PZ: Wie viele Patientinnen und Patienten mit Hämophilie versorgt Ihre Apotheke?
Della Seta: Aus Gründen der Vertraulichkeit möchten wir keine konkrete Patientenzahl nennen. Aussagekräftiger als die reine Zahl ist für mich ohnehin, welche Rolle diese Versorgung bei uns spielt: Unsere Apotheken befinden sich weder in unmittelbarer Nähe eines Gerinnungszentrums noch einer auf Hämophilie spezialisierten Praxis. Auch viele der von uns betreuten Patientinnen und Patienten wohnen nicht in unserem klassischen Einzugsgebiet. Sie entscheiden sich ganz bewusst für uns, weil sie eine besonders verlässliche, persönliche und vorausschauende Betreuung suchen.
Dieses Vertrauen ist für uns eine besondere Auszeichnung. Es zeigt, dass eine konsequent patientenorientierte Versorgung auch Menschen weit über das unmittelbare Umfeld einer Apotheke hinaus erreicht. Komplexe Therapiefelder – beispielsweise Hämophilie, HIV, Immunerkrankungen, Onkologie, aber auch Kinderwunsch – spielen deshalb in unseren Apotheken grundsätzlich eine zentrale Rolle.
PZ: Was unterscheidet die Versorgung dieser Patientengruppe von anderen chronischen Erkrankungen?
Della Seta: Hämophilie ist eine seltene Erkrankung, bei der Versorgungssicherheit, Schnelligkeit und Therapietreue eine besonders große Rolle spielen. Die Arzneimittel sind hochpreisig, teilweise kühlkettenpflichtig und müssen bei Bedarf sehr kurzfristig verfügbar sein. Gleichzeitig darf man die Versorgung nicht allein unter logistischen Gesichtspunkten betrachten: Für die Betroffenen bedeutet eine verlässliche Therapie vor allem Sicherheit im Alltag.
Deshalb ist eine enge und vertrauensvolle Beziehung besonders wichtig. Wir müssen genau zuhören, vorausschauend planen und dennoch jederzeit auf Veränderungen reagieren können. Diese Verbindung aus pharmazeutischer Kompetenz, persönlicher Betreuung und anspruchsvoller Logistik macht die Versorgung so besonders.
PZ: Wie eng arbeiten Sie mit den Hämophiliezentren und den behandelnden Ärztinnen und Ärzten zusammen?
Della Seta: Eine gute Hämophilieversorgung funktioniert nur im Team. Wir stehen deshalb in engem und regelmäßigem Austausch mit den behandelnden Praxen und Hämophiliezentren. Bei neuen Verordnungen, Therapieänderungen, abweichenden Dosierungen oder kurzfristigem Bedarf klären wir offene Punkte möglichst direkt – und ohne die Patientinnen und Patienten unnötig mit organisatorischen Fragen zu belasten.
PZ: Welche wirtschaftliche Bedeutung hat die Versorgung für Ihre Apotheke? Hat sich die Wirtschaftlichkeit in den vergangenen Jahren verändert?
Della Seta: Die Hämophilieversorgung ist aufgrund der hohen Arzneimittelumsätze wirtschaftlich bedeutsam. Umsatz darf hier jedoch nicht mit Ertrag verwechselt werden. Den hohen Warenwerten stehen eine erhebliche Vorfinanzierung, ein anspruchsvolles Bestell- und Qualitätsmanagement, intensive persönliche Betreuung und ein relevantes wirtschaftliches Risiko gegenüber.
Die Kosten und der organisatorische Aufwand sind in den vergangenen Jahren gestiegen. Gleichzeitig ist die Vergütung nicht in gleichem Maße gewachsen. Umso wichtiger ist, dass die dreiprozentige variable Vergütung durch den Bundesrat als Mindestgrenze definiert wurde. Sie trägt bei hochpreisigen Arzneimitteln insbesondere dem Finanzierungs-, Haftungs- und Beschaffungsrisiko der Apotheke Rechnung. Eine Absenkung dieser Komponente hätte die wirtschaftliche Grundlage einer verlässlichen Versorgung mit Hochpreisern erheblich geschwächt. Für uns bleibt diese Versorgung ein wichtiger Teil unseres pharmazeutischen Selbstverständnisses. Sie muss aber so ausgestaltet sein, dass Apotheken sie dauerhaft mit der erforderlichen Qualität und Zuverlässigkeit leisten können.
PZ: Welche Leistungen erbringt Ihre Apotheke über die reine Arzneimittelabgabe hinaus?
Della Seta: Unsere Leistung beginnt lange vor der eigentlichen Abgabe. Wir koordinieren Verordnungen und Liefertermine, prüfen die Verfügbarkeit, organisieren die Kühlkette und stimmen die Versorgung individuell mit den Patientinnen und Patienten ab. Wir behalten Folgebedarfe und zeitliche Abläufe im Blick und versuchen, mögliche Engpässe frühzeitig zu erkennen.
Bei Hämophilie begleiten wir nicht nur therapieerfahrene Erwachsene. Da die Erkrankung von Geburt an besteht, unterstützen wir häufig auch junge Eltern, die sich große Sorgen um ihr Kind machen und zunächst viele Fragen haben. In solchen Situationen reicht es nicht, lediglich auf die Fachinformation zu verweisen.
Es geht darum, genau zuzuhören, pharmazeutische Informationen verständlich und lebensnah zu vermitteln. Gerade in Situationen, die sich nicht mit einem Standardsatz beantworten lassen, brauchen Familien einen erreichbaren, festen Ansprechpartner, der ihre Unsicherheit ernst nimmt, klar kommuniziert und sich um eine belastbare Antwort kümmert. Diese menschliche Begleitung ist für uns ein wesentlicher Teil guter Versorgung.
PZ: Welche Herausforderungen ergeben sich durch die hohen Arzneimittelkosten für Einkauf, Lagerhaltung und Liquidität? Wie planen Sie die Bevorratung, und gibt es besondere Anforderungen an Transport oder Lagerung?
Della Seta: Eine einzelne Bestellung kann bereits einen erheblichen Warenwert haben. Die Apotheke muss diesen Einkauf zunächst finanzieren, während die Erstattung durch die Kostenträger erst später erfolgt. Daraus ergeben sich hohe Anforderungen an Liquidität und Warenwirtschaft.
Eine allgemeine Lagerhaltung dieser Präparate vermeiden wir daher in der Regel. Stattdessen planen wir gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten vorausschauend und bestellen die Medikamente bedarfsgerecht. Durch unsere eingespielten Beschaffungswege und unser Partnernetzwerk können wir die gängigen Präparate in der Regel noch am Tag des Bestelleingangs bereitstellen beziehungsweise ausliefern.
PZ: Wie gehen Sie mit kurzfristigen Lieferanforderungen um? Welche Auswirkungen haben Lieferengpässe?
Della Seta: Für kurzfristige Anforderungen haben wir ein belastbares Partner- und Beschaffungsnetzwerk aufgebaut. Die wichtigen und gängigen Präparate können wir dadurch in der Regel noch am selben Tag liefern. Entscheidend ist im Alltag aber nicht allein die Geschwindigkeit, sondern vor allem die Zuverlässigkeit.
Damit die vorgesehenen Anwendungsintervalle eingehalten werden können, müssen Lieferzusagen realistisch sein, eingehalten und aktiv überwacht werden. Patientinnen und Patienten berichten uns immer wieder von Situationen, in denen ihnen eine Lieferung zugesagt wurde, dann aber nicht rechtzeitig erfolgen konnte. Unsere Aufgabe besteht deshalb nicht nur darin, eine Bestellung auszulösen. Wir verfolgen den Vorgang bis zur tatsächlichen Versorgung und organisieren bei Problemen aktiv eine Lösung.
Lieferengpässe sind besonders kritisch, weil ein Präparatewechsel nicht wie bei einem beliebigen Standardarzneimittel erfolgen kann. Jede therapeutische Alternative muss ärztlich geprüft und mit dem Patienten abgestimmt werden. Engpässe verursachen daher erheblichen Koordinationsaufwand und können bei den Betroffenen verständlicherweise große Unsicherheit auslösen.
PZ: Wo liegen derzeit die größten Risiken für eine stabile Versorgung?
Della Seta: Die größten Risiken liegen aus meiner Sicht in Lieferengpässen, zunehmendem Kostendruck und nicht ausreichend abgestimmten Schnittstellen zwischen Arzt, Apotheke, Hersteller, Großhandel und Kostenträger. Hinzu kommt, dass die Versorgung selten und hoch spezialisiert ist. Wenn sich immer weniger Apotheken in der Lage sehen, die finanziellen und organisatorischen Anforderungen zu tragen, kann das die flächendeckende Versorgung schwächen.
Stabilität entsteht durch verlässliche Lieferketten, klare Zuständigkeiten, gute Kommunikation und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die den tatsächlichen Versorgungsaufwand anerkennen.
PZ: Welche Auswirkungen haben Rabattverträge oder Preisentwicklungen?
Della Seta: Bei einer langfristig eingestellten Hämophilie-Therapie müssen medizinische Kontinuität und Patientensicherheit Vorrang haben. Wirtschaftliche Instrumente dürfen nicht dazu führen, dass etablierte Therapien ohne sorgfältige ärztliche Abwägung gewechselt werden oder bei den Patientinnen und Patienten Unsicherheit entsteht.
Preissteigerungen erhöhen außerdem den Finanzierungsbedarf und damit das wirtschaftliche Risiko der Apotheke. Preissenkungen können bei bereits eingekaufter Ware ebenfalls problematisch sein. Die wirtschaftlichen Folgen treffen die Apotheke unmittelbar, obwohl sie auf diese Entwicklungen kaum Einfluss hat.
PZ: Sind die aktuellen Vergütungsstrukturen angemessen?
Della Seta: Die bestehenden Vergütungsstrukturen bilden den tatsächlichen Versorgungsaufwand nur teilweise ab. Die intensive Koordination, die persönliche Erreichbarkeit, das Qualitätsmanagement und die zeitkritische Organisation werden nicht als eigenständige Leistungen vergütet.
Gleichzeitig muss man anerkennen, dass der Erhalt der dreiprozentigen variablen Komponente ein wichtiges Signal war. Sie bildet zumindest einen Teil des besonderen Finanzierungs-, Beschaffungs- und Haftungsrisikos bei hochpreisigen Arzneimitteln ab. Eine Verunsicherung bei der variablen Komponente hätte die Versorgung erheblich beschädigen können. Perspektivisch sind wir gespannt, wie sich die kommenden pharmazeutischen Dienstleistungen in diesen Bereich einbinden lassen.
PZ: Welche rechtlichen Anforderungen müssen Apotheken bei der Abgabe besonders beachten? Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?
Della Seta: Verbesserungsbedarf sehe ich darüber hinaus bei den Vertriebsstrukturen. Bei Hämophiliepräparaten ist bekannt, dass viele Produkte über spezialisierte Händler oder direkt vom Hersteller bezogen werden. Wir beobachten jedoch auch allgemein einen Trend, dass hochpreisige und selten benötigte Arzneimittel nicht mehr vollständig und zeitnah über den vollversorgenden pharmazeutischen Großhandel verfügbar sind.
Das kann die flächendeckende Versorgung schwächen und erschwert die tägliche Arbeit der Apotheken. Aus meiner Sicht sollte deshalb regulatorisch geprüft werden, wie bei versorgungsrelevanten Arzneimitteln ein diskriminierungsfreier und verlässlicher Zugang für alle öffentlichen Apotheken gewährleistet werden kann. Exklusive oder faktisch exklusive Vertriebsstrukturen dürfen die freie Apothekenwahl und eine schnelle Patientenversorgung nicht beeinträchtigen.
PZ: Hat sich die Erwartung von mehr Wettbewerb und wirtschaftlichem Druck nach der Integration in die regulären Vertriebswege erfüllt?
Della Seta: Aus Versorgungssicht ist die Entwicklung für mich ein Erfolg. Sie zeigt, dass keine Therapie für die öffentliche Apotheke grundsätzlich zu komplex, zu selten oder zu hochpreisig ist. Nach einer anfänglichen Orientierungsphase haben sich tragfähige Versorgungsstrukturen etabliert. Auch aus Gesprächen mit Betroffenen und Patientenorganisationen nehmen wir wahr, dass die Versorgung heute gut funktioniert.
Für die Centro Apotheke war die Integration eine Gelegenheit, unsere Stärke als persönlich erreichbarer und flexibler Partner einzubringen. Sie funktioniert aus unserer Sicht besonders gut, wenn die Apotheke nicht als reine Abgabestelle, sondern als aktiver Teil des Versorgungsnetzwerks verstanden wird.
PZ: Gibt es Regelungen, die den Versorgungsalltag unnötig erschweren?
Della Seta: Potenzielle Retaxationen sind in diesem Bereich zu nennen. Es ist meiner Meinung nach nicht ausgeschlossen, dass eine Hämophilie-Retaxation eine Apotheke in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringt.
PZ: Wie bewerten Sie die besonderen Dokumentations- und Nachweispflichten?
Della Seta: Die Rückverfolgbarkeit ist bei diesen Arzneimitteln unverzichtbar. Deshalb stellen wir die Dokumentationspflichten als solche nicht infrage. Sie müssen jedoch praxistauglich sein und sollten möglichst digital erfüllt werden können. Es ist interessant zu beobachten, dass wir zwar alle Daten bereits digital erfassen (zum Beispiel bei Securpharm), sie aber trotzdem teilweise noch per Papier und Fax an bestimmte Stellen kommunizieren müssen. Hier liegt noch Potenzial. Aber auch hier sind wir optimistisch, der Weg der Gematik geht in die richtige Richtung und sollte zeitnah auch solche Themen lösen.
PZ: Wird die Rolle der Apotheke in der Hämophilie-Versorgung eher wachsen oder schrumpfen?
Della Seta: Ich bin überzeugt, dass die Rolle der spezialisierten Vor-Ort-Apotheke wachsen wird. Moderne Therapien werden komplexer, während Patientinnen und Patienten zugleich eine persönliche und gut erreichbare Begleitung benötigen. Genau hier kann die Apotheke eine wichtige Verbindung zwischen Patient, Arzt und Arzneimittellogistik herstellen.
»Vor Ort« bedeutet dabei nicht zwangsläufig, dass alle Patientinnen und Patienten in unmittelbarer Nachbarschaft wohnen. Es bedeutet vor allem persönliche Erreichbarkeit, verbindliche Ansprechpartner und die Bereitschaft, Verantwortung für den gesamten Versorgungsprozess zu übernehmen.
PZ: Wenn Sie Gesundheitsminister wären: Welche eine Maßnahme würden Sie ergreifen, um die Versorgung nachhaltig zu verbessern?
Della Seta: Gute Versorgung braucht finanzielle Stabilität. Auch wenn es nicht direkt die Hämophilie betrifft: Wenn nicht klar geregelt wird, dass auch ausländische Apotheken sich an die Zuzahlungsregelungen halten müssen, dann wird sich die Apothekenlandschaft noch deutlich weiter ausdünnen.
PZ: Wie hoch ist das wirtschaftliche Risiko bei kurzfristigen Therapieänderungen oder Stornierungen?
Della Seta: Das Risiko kann erheblich sein. Bei diesen Arzneimitteln geht es teilweise um sehr hohe Werte, die von der Apotheke bereits bestellt und bezahlt wurden. Wird die Therapie kurzfristig geändert oder eine Bestellung storniert, lässt sich das Präparat unter Umständen nicht zurückgeben oder zeitnah anderweitig verwenden. Hinzu kommen begrenzte Haltbarkeit, besondere Lagerungsbedingungen und eine sehr spezifische Nachfrage.
Wir reduzieren dieses Risiko durch eine enge Abstimmung mit den behandelnden Zentren und den Patientinnen und Patienten sowie durch eine bedarfsgerechte Beschaffung. Vollständig ausschließen lässt es sich aber nicht. Dieses Versorgungsrisiko darf aus unserer Sicht nicht allein bei der Apotheke verbleiben. Daher haben wir hier auch langfristige Beziehungen zu unseren Partnern für solche Risiken aufgebaut.
PZ: Sind Retaxationen ein Thema?
Della Seta: Ja. Gerade bei sehr hochpreisigen Verordnungen können Retaxationen ein erhebliches wirtschaftliches Risiko darstellen. Bereits formale Beanstandungen oder unterschiedliche Auslegungen von Abgabe- und Abrechnungsbestimmungen können sehr hohe Beträge betreffen. Wir prüfen solche Verordnungen deshalb besonders sorgfältig und klären Unstimmigkeiten möglichst vor der Abgabe mit der behandelnden Praxis. Dennoch bindet die Retaxationsprävention viel Zeit und schafft Unsicherheit. Zum Glück hatten wir in diesem Bereich noch keine Retaxation.