| Lukas Brockfeld |
| 10.06.2026 10:30 Uhr |
Oliver Hildenbrand ist seit Mai Gesundheitsminister von Baden-Württemberg. / © Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit
Baden-Württemberg
Der Wahlsieg der Grünen in Baden-Württemberg war im März eine kleine Sensation. Inzwischen hat die neue Landesregierung, angeführt von Ministerpräsident Cem Özdemir, ihre Arbeit aufgenommen. Der neue Minister für Soziales, Arbeit und Gesundheit heißt Oliver Hildenbrand (Grüne), der die Nachfolge von Manfred Lucha antritt. Was hat der 38-jährige studierte Psychologe in seinem Amt vor? Das erklärt Hildenbrand im Interview mit der PZ.
PZ: Vor einem Monat haben Sie Ihr Amt als Gesundheitsminister angetreten. Was sind Ihre wichtigsten Vorhaben und was wollen Sie als Minister unbedingt erreichen?
Hildenbrand: Ich will mich für ein Gesundheitssystem einsetzen, das für alle Menschen da ist. Drei Schwerpunkte stehen für Baden-Württemberg ganz oben auf der Agenda: erstens die Stabilisierung unserer Krankenhäuser im Land. Die Umsetzung der Krankenhausreform des Bundes darf nicht dazu führen, dass unsere gut aufgestellten Häuser weiter in wirtschaftliche Bedrängnis geraten. Zweitens die Stärkung der Pflege: Wir benötigen bessere Bedingungen für Pflegekräfte und mehr Menschen, die in diesem so wichtigen Beruf arbeiten. Drittens eine konsequente Orientierung an Prävention und Gesundheitsförderung: Mit diesem Ziel werden wir unsere Health-in-All-Policies-Strategie für Baden-Württemberg weiterentwickeln.
PZ: Was läuft aktuell im Gesundheitswesen schief?
Hildenbrand: Viele Menschen treibt die Sorge um, dass die gesundheitliche Versorgung bei ihnen vor Ort schlechter wird: Apotheken schließen, Arzttermine sind schwer zu bekommen, Kliniken kämpfen ums Überleben. Das ist das Ergebnis von jahrelangem Reformstau und Fehlanreizen. Dazu kommt: Die Lasten werden ungerecht verteilt. Wenn Kassenbeiträge erhöht und Bundeszuschüsse gekürzt werden, zahlen am Ende vor allem die Versicherten die Zeche. Das darf nicht sein.
PZ: Welche Bedeutung hat die Apotheke vor Ort für Sie?
Hildenbrand: Die Apotheke vor Ort ist ein unverzichtbarer Teil der wohnortnahen Gesundheitsversorgung. Sie sichert schnelle Versorgung, persönliche Beratung und Versorgungssicherheit – gerade in Krisensituationen. Als niederschwellige Anlaufstelle ist sie für viele Patientinnen und Patienten oft die erste Adresse, häufig noch vor der Arztpraxis. Neben der Arzneimittelversorgung und der Beratung zur richtigen Anwendung von Arzneimitteln übernehmen Apotheken heute bereits vielfältige weitere Aufgaben, etwa bei Impfungen und Prävention.
PZ: Mit welchen Maßnahmen wollen Sie die Apotheken stärken?
Hildenbrand: Notwendig sind vor allem eine angemessene und dynamisierte Vergütung, der Abbau unnötiger Bürokratie sowie verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Apotheken müssen außerdem stärker in Prävention, Versorgung und Digitalisierung eingebunden werden.
Der Gesundheitsminister betont die Bedeutung der dezentralen Apothekenstruktur. / © Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit
Baden-Württemberg
PZ: Welche Rolle könnten die Apotheken künftig im Gesundheitswesen spielen?
Hildenbrand: Apotheken haben eine besondere Rolle als Schnittstelle im Versorgungssystem, auch in der Primärversorgung. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände hat kürzlich zahlreiche Vorschläge vorgelegt, wie Apotheken im Primärversorgungssystem berücksichtigt werden sollten und welche zusätzlichen Aufgaben sie übernehmen könnten. Ich bin gerne bereit, diese Vorschläge zu diskutieren.
PZ: Die Apothekerschaft fordert immer wieder eine strengere Regulierung des Versandhandels mit Arzneimitteln. Wie stehen Sie dazu?
Hildenbrand: Vor-Ort-Apotheken müssen im Wettbewerb mit Versandapotheken unter fairen Wettbewerbsbedingungen arbeiten können. Vorrangiges Ziel muss die Sicherung einer flächendeckenden, qualitativ hochwertigen und krisenfesten Arzneimittelversorgung durch wohnortnahe Apothekenstrukturen sein. Gerade dezentrale Apothekenstrukturen leisten einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit, da sie die Bevölkerung auch in Krisenzeiten und bei Liefer- oder Versorgungsausfällen schnell, persönlich und verlässlich versorgen können.
PZ: Wie stehen Sie zum derzeit geplanten GKV-Spargesetz?
Hildenbrand: Das Ziel der Reform ist richtig. Die GKV-Finanzen müssen nachhaltig stabilisiert werden. Einzelne der von der Bundesregierung vorgeschlagenen Maßnahmen sehe ich allerdings kritisch. Das betrifft insbesondere die geplante Kürzung des Bundeszuschusses zur GKV, die Verlagerung versicherungsfremder Leistungen auf die GKV sowie die heftigen Einschnitte im Krankenhausbereich. Am Ende muss ein Reformpaket stehen, das alle Beteiligten im Gesundheitswesen mittragen können, weil die Lasten fair verteilt werden.
PZ: Was ist Ihre Meinung zur Erhöhung des Apothekenfixums und zum erhöhten Kassenabschlag?
Hildenbrand: Die jetzt beschlossene Erhöhung des Apothekenfixums ist angesichts massiv gestiegener Kosten und jahrelang ausgebliebener Honoraranpassungen dringend erforderlich. Die gleichzeitig geplante dauerhafte Erhöhung des Kassenabschlags steht dazu im Widerspruch. Weitere finanzielle Belastungen gefährden die wirtschaftliche Existenz vieler Vor-Ort-Apotheken und verschärfen den Apothekenrückgang.
PZ: Was sollte auf gesetzlicher Ebene getan werden, um die Apotheken zu stärken?
Hildenbrand: Angesichts des anhaltenden Apothekenrückgangs besteht klarer Nachbesserungsbedarf. Notwendig sind vor allem eine verlässliche, dynamisierte Vergütungssystematik und ein spürbarer Abbau unnötiger Bürokratie, damit Vor-Ort-Apotheken langfristig stabil bleiben und ihre Rolle in der Regel- und Notfallversorgung gesichert ist.