Hammerharte Fakten zu Molnupiravir |
Sven Siebenand |
03.01.2022 18:00 Uhr |
Der erste Teil des INN-Namens Molnupiravir klingt ein bisschen wie Mjölnir, die magische Waffe in Hammerform des Gottes Thor. / Foto: Adobe Stock/bukhta79
Für Apotheker gibt es einen weiteren Wirkstoffnamen zum Merken: Molnupiravir (Lagevrio®) von Merck-Sharp & Dohme (MSD) und Ridgeback Biotherapeutics. Der erste Teil des Namens erinnert an Mjölnir, die magische Waffe in Hammerform des Gottes Thor. An der Namensgebung war also offenbar ein Fan der nordischen Mythologie beteiligt. Andere Fakten zu dem Wirkstoff sind im Folgenden zusammengefasst.
Molnupiravir ist ein Prodrug, das zum Ribonukleosid-Analogon N-Hydroxycytidin (NHC) metabolisiert wird. In der Zelle wird NHC zum pharmakologisch aktiven Triphosphat (NHC-TP) phosphoryliert. Der Einbau von NHC-TP in Virus-RNA durch die virale RNA-Polymerase führt zur Anhäufung von Fehlern im viralen Genom, was die Replikation des Virus hemmt. Dieser Wirkmechanismus wird gelegentlich auch mit der Bezeichnung »Virusfehlerkatastrophe« zusammengefasst.
Molnupiravir oder anders ausgedrückt: N-Hydroxy-5'-O-(2-methylpropanoyl)-3,4-dihydrocytidin / Foto: Wurglics
Nein, ursprünglich war die Substanz als Wirkstoff gegen Grippe in der Entwicklung. Molnupiravir hemmt die Replikation verschiedener Viren, unter anderem auch jene von SARS-CoV-2. Während Molnupiravir und Remdesivir (Veklury®) also unspezifisch antiviral wirken, hemmt Nirmatrelvir eine bestimmte Protease von SARS-CoV-2. Dieser Wirkstoff ist neben Ritonavir im Präparat Paxlovid™ von Pfizer enthalten, das bis dato noch bessere Studienergebnisse vorzuweisen hat als Molnupiravir, aber ebenfalls noch nicht zugelassen ist.
Der Wirkstoff kann oral verabreicht werden. Die derzeitige Darreichungsform des Molnupiravir-haltigen Medikaments Lagevrio sind Hartkapseln à 200 mg. Die empfohlene Dosis beträgt zweimal täglich 800 mg, also vier 200-mg-Kapseln alle zwölf Stunden über einen Zeitraum von fünf Tagen. Ob die Kapseln mit oder ohne eine Mahlzeit eingenommen werden, ist nicht maßgeblich.
Vorgesehen ist Lagevrio zum Einsatz bei Erwachsenen, die keinen zusätzlichen Sauerstoff benötigen und ein erhöhtes Risiko haben, einen schweren Covid-19-Verlauf zu entwickeln, heißt es in einem Schreiben der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA). In Großbritannien ist das Mittel bereits seit Anfang November bedingt zugelassen. Es soll dort zur Anwendung bei erwachsenen Patienten mit leichtem bis mittelschwerem Covid-19 und mindestens einem Risikofaktor für die Entwicklung einer schweren Erkrankung eingesetzt werden. Zu diesen Risikofaktoren gehören zum Beispiel Fettleibigkeit, höheres Alter (> 60 Jahre), Diabetes mellitus und Herzerkrankungen. Die Anwendung sollte so bald wie möglich nach einem positiven Covid-19-Test und innerhalb von fünf Tagen nach Auftreten der Symptome starten. Für Kinder ist Molnupiravir bis dato nicht zugelassen.
Die häufigsten Nebenwirkungen, die während der Behandlung und 14 Tage nach der letzten Dosis in Studien berichtet wurden, waren Durchfall (3 Prozent), Übelkeit (2 Prozent), Schwindel (1 Prozent) und Kopfschmerzen (1 Prozent).
Überschaubar. Starke Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind bisher nicht bekannt. Basierend auf In-vitro-Studien sind weder Molnupiravir noch sein Metabolit NHC Inhibitoren oder Induktoren wichtiger Arzneimittel-metabolisierender Enzyme oder Inhibitoren wichtiger Arzneimitteltransporter. Daher wird die Möglichkeit einer Wechselwirkung von Molnupiravir oder NHC mit Begleitmedikation als unwahrscheinlich erachtet, heißt es in der Fachinformation aus Großbritannien.
Eine Dosisanpassung bei eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion ist nicht nötig. Auch bei älteren Menschen ist keine andere Dosierung vorgesehen.
Laut der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) stellt eine Schwangerschaft eine absolute Kontraindikation für den Einsatz von Molnupiravir dar. Vor der Anwendung von Lagevrio muss demnach eine Schwangerschaft per Test ausgeschlossen werden. Für Frauen im gebärfähigen Alter ist eine wirksame Kontrazeption (bei hormoneller Verhütung zusätzlich eine Barrieremethode, etwa Kondom) für die fünf Tage der Therapie und danach weitere vier Tage notwendig, falls keine sexuelle Abstinenz erfolgt. Mütter sollten während der Dauer der Behandlung und vier Tage nach Einnahme der letzten Dosis das Stillen unterbrechen, informiert das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Männer sollten während der Behandlung mit Lagevrio und für drei Monate danach kein Kind zeugen.
Wahrscheinlich ist die 82 ein Überbleibsel vom ursprünglichen Entwicklungsnamen MK-4482.
Nachdem bislang zur Behandlung von Covid-19-Patienten als antivirales Medikament einzig Remdesivir (Veklury®) zur Verfügung stand, werden nun mit Molnupiravir (Lagevrio®) und bald auch Nirmatrelvir/Ritonavir (Paxlovid™) zwei weitere Präparate noch vor der Zulassung zugänglich gemacht. Das ist gut, denn der Bedarf an wirksamen und sicheren Arzneimitteln für betroffene Patienten ist ungebrochen hoch. Allerdings stellt Molnupiravir wegen der Möglichkeit der oralen Applikation und besseren klinischen Wirksamkeit im Vergleich zu Remdesivir zwar eine Schrittinnnovation dar, aber bei Weitem keine Sprunginnovation. Der molekulare Wirkmechanismus bedingt eine steigende Mutationslast im viralen Genom und unterbricht so die Virusreplikation, gleichzeitig begründen diese pharmakodynamischen Eigenschaften aber auch Sicherheitsbedenken. Therapeuten sind gut beraten, Molnupiravir nicht leichtfertig, sondern nur nach einer kritischen Nutzen-Risiko-Abwägung einzusetzen.
Es bleibt zu hoffen, dass auch Paxlovid alsbald zur Verfügung steht. Denn anders als Molnupiravir, das ursprünglich als Grippemittel vorgesehen war, wurde der Protease-Inhibitor Nirmatrelvir gezielt gegen SARS-CoV-2 entwickelt. Schon jetzt zeichnet sich auf Basis der verfügbaren Evidenz eine gute Wirksamkeit des Medikaments bei sehr guter Verträglichkeit ab, wenngleich es wegen des Boosters Ritonavir eine Reihe möglicher Interaktionen zu bedenken gilt. Vor dem Einsatz von Paxlovid wird es daher einer sehr sorgfältigen Arzneimittelanamnese bedürfen, bei der Apothekerinnen und Apotheker ihren Sachverstand einbringen können.
Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz, Frankfurt am Main, Mitglied der erweiterten Chefredaktion
Das Virus SARS-CoV-2 hat unsere Welt verändert. Seit Ende 2019 verbreitet sich der Erreger von Covid-19 und stellt die Wissenschaft vor enorme Herausforderungen. Sie hat sie angenommen und rasch Tests und Impfungen, auch für Kinder, entwickelt. Eine Übersicht über unsere Berichterstattung finden Sie auf der Themenseite Coronavirus.