Jeder Pieks zählt – Standesdünkel haben da keinen Platz. / © Getty Images/filadendron
Die Influenza-Impfquote lag in der vergangenen Saison bei Menschen ab 60 Jahren mit 34 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit 17 Jahren. Noch schlechter waren die Raten bei der Immunisierung gegen Covid-19: Nur 13 Prozent über alle Altersgruppen hinweg nahmen diese Möglichkeit der Prävention wahr. »Bei diesen derart miserablen Impfquoten nehmen wir uns gegenseitig nichts weg«, sagte die Infektiologin mit Blick auf die KBV-Ärzte-Kampagne »Impfen beim Profi«.
»Das Angebot in Apotheken ist niederschwellig und holt die Menschen sofort ab. Es sind genügend Oberarme für alle da«, ist die Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin Vivantes Netzwerk für Gesundheit in Berlin überzeugt. Die Durchimpfungsraten ließen sich nur gemeinsam von Ärzten, Apotheken und Politik verbessern.
»Wir haben kein Evidenzproblem, sondern ein Kommunikationsproblem.« Sie empfahl, das Gespräch mit den Kunden und Patienten zu suchen – aber nicht »in Form einer Datendusche, sondern als Ich-Botschaft wie ›Ich empfehle Ihnen heute aufgrund Ihrer Herzattacke von vor zwei Jahren die Grippeimpfung‹«. Auch dass durch Impfungen Herdenimmunität erzielt wird, sei ein wichtiges Argument, das die Menschen überzeugt. »Das ist wie Fußpilz im Schwimmbad. Wenn alle Schuhe tragen, aber einer sie vergessen hat, ist es für den einen nicht so tragisch«, veranschaulichte sie mit einem laienverständlichen Beispiel.
Bei der Aufklärung sei es wichtig, keinen Druck zu erzeugen und nicht zu übertreiben. Letzteres sei gerade zu Anfang der Pandemie gründlich misslungen. »Mangels besseren Wissens haben wir den Fehler gemacht, die neue Covid-19-Impfung als Schutz vor der Infektion darzustellen. Diese Fehlinformation wirkt vermutlich bis heute nach und brachte das Misstrauen mit.«
Laut Nachtigalls Aussagen ließen sich die Menschen vielmehr mit dem Argument »Lebensqualität« überzeugen. »Es geht darum, dass Sie nach einer Coronainfektion nicht schwächer aus dem Krankenhaus herauskommen, als Sie eingeliefert wurden. Die Impfung hält Sie dagegen länger fit.« Auch die kardioprotektive Wirkung der Influenza- und Covid-19-Impfstoffe seien Fakten, die die Menschen überzeugten, stellte Nachtigall eine dänische Studie vor, nach der die Impfquoten gesteigert werden konnten, wenn Erinnerungsbriefe der Krankenkassen auf den Herzschutz verwiesen.
Es gibt genügend gute Gründe, sich gegen Covid-19 und Influenza Impfen zu lassen. Laut Professorin Dr. Irit Nachtigall überzeugen die Punkte Lebensqualität und Herzschutz am meisten. / © privat
Die Senkung des Long-Covid-Risikos durch die Impfung sei der belastbarste pleiotrope Effekt und zudem ein Argument, das besonders bei Jüngeren Gewicht habe, so Nachtigall. »Über alle Altersgruppen hinweg zeigen Daten minus 57,7 Prozent Long-Covid-Diagnosen bei Geimpften. Und: Je mehr Impfungen, desto niedriger das Risiko. Eine Metaanalyse mit Daten von mehr als fünf Millionen Geimpften ergab ein 73 Prozent niedrigeres Long-Covid-Risiko nach der dritten Impfung.« Insofern ergebe sich durch die Covid-19-Impfung auch ein großer volkswirtschaftlicher Benefit.
Nachtigall ist der Überzeugung, dass Impfangebote prinzipiell einfacher werden müssen. Stichworte seien hierbei Bürokratieabbau und Digitalisierung. Sie verwies darauf, dass fehlende Impfungen oft nicht auf Unwillen, sondern auf Unwissenheit oder fehlender Erinnerung beruhten. In anderen Ländern seien Erinnerungssysteme längst Standard. Diese Systeme seien teils in einer digitalen Impfdokumentation inklusive eines elektronischen Impfausweises etabliert, der als vollwertiger Impfnachweis gehandelt werde. »Aber in Deutschland können wir mit den Krankenkassendaten immer noch nicht so umgehen, dass wir personalisierte Erinnerungsbriefe an die Versicherten schreiben könnten.«