| Kerstin A. Gräfe |
| 18.09.2026 17:30 Uhr |
Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz, Professor Dr. Theo Dingermann, Franziska Scharpf, Dr. Janka Schulte-Michels und Bernhard Seidenath (v. l.) diskutierten über Strategien, wie die Impfquote erhöht werden kann. / © PZ/Alois Mueller
Bernhard Seidenath, Jurist und Mitglied des Bayerischen Landtags, sieht »Impfen als eines der prominenten Mittel zur Prävention«. In Bayern seien die Impfquoten bedauerlicherweise noch schlechter als im Bundesdurchschnitt. »Deswegen müssen wir alle Register ziehen!« Das bedeute, noch mehr aufzuklären und noch mehr niederschwellige Impfmöglichkeiten anzubieten. In Bayern gebe es seit Oktober 2025 einen Masterplan Prävention, der mehr als 250 konkrete Maßnahmen für eine bessere Gesundheit im Freistaat umfasst.
Franziska Scharpf, Präsidentin der BLAK und Vizepräsidentin der BAK, sieht großes Potenzial im Impfangebot der Apotheken und appellierte an die Teams. »Wir haben die Verantwortung, uns hier einzubringen.« Mit der Apothekenreform habe die Politik der Apothekerschaft nun den Weg geebnet. Vor diesem Hintergrund dürften und sollten die Apotheker nun mehr Rückgrat zeigen, sagte Scharpf und spielte damit auf die Kritik seitens der Ärzteschaft an. Abgesehen von der Impflücke, die so groß sei, dass man sich gegenseitig nichts wegnehme, zähle jeder Piks. Man müsse gemeinsam aus einem Krankheitssystem ein Gesundheitssystem entwickeln.
Dass gemeinsames Handeln funktioniert, zeige die HPV-Impfung. Die Impfquoten hätten in den letzten Jahren weiterhin zugenommen. Professor Dr. Theo Dingermann, Senior Editor bei der Pharmazeutischen Zeitung, ließ es sich in diesem Zusammenhang nicht nehmen, seinen Unmut darüber zu äußern, dass Impfungen in Apotheken erst ab 18 Jahren möglich sind. Die HPV-Impfung werde von der Ständigen Impfkommission (STIKO) für alle Mädchen und Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren empfohlen. Mit der Grenze 18 Jahre eliminiere man eine wichtige Impfung gegen Krebs aus der Apotheke.
Aus Apothekersicht müsse das Impfangebot einfacher werden – für die Teams und die Patienten. Stichworte seien hier Bürokratieabbau und Digitalisierung, so Scharpf. In der Digitalisierung sieht auch Dr. Janka Schulte-Michels vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) eine große Chance. Sie verwies darauf, dass fehlende Impfungen oft nicht auf Unwillen, sondern auf Unwissenheit oder fehlender Erinnerung beruhen. In anderen Ländern seien Erinnerungssysteme längst Standard. Diese Systeme seien teils in einer digitalen Impfdokumentation inklusive eines elektronischen Impfausweises etabliert, der als vollwertiger Impfnachweis gehandelt werde.
Schulte-Michels sieht den Fokus der Industrie weniger in der Aufklärung, da dies vom Verbraucher oft als Werbung empfunden werde. Vielmehr liege der industrielle Beitrag darauf, neue Impfstoffe mit neuen Technologien wie mRNA oder Virus-like Particles bereitzustellen. Im Moment befänden sich etwa 90 bis 100 Impfstoffe in der Entwicklung, zwei Drittel davon in Phase II der klinischen Prüfung oder weiter. Darunter seien auch solche gegen Krankheiten, die bislang nicht impfpräventabel waren, wie Borreliose.
Als weiteren wichtigen Punkt führte Scharpf die Nachwuchsförderung an. So sei eine Ausbildungsapotheke, die auch ein Impfangebot anbietet, attraktiver für Pharmazeuten im Praktikum (PhiP). Nicht zuletzt sei die Apothekenreform in puncto Berufsbild ein Gewinn: »Jetzt können wir die Vielfalt unseres Berufs mit all unseren Kompetenzen ausspielen.« Das schlage sich auch bereits in den Immatrikulationszahlen nieder. An der LMU München habe es mit 130 Immatrikulationen mehr als jemals zuvor gegeben. »Wir haben jetzt wieder einen Numerus clausus«, freute sich Scharpf sichtlich.