Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Bundestag
-
Gaslighting statt Diagnosen

Der Gender Health Gap endet nicht bei der vergleichsweise schlechteren Versorgung der Frauen – er und seine direkten und indirekten Folgen kosten auch Geld. Beim parlamentarischen Frühstück »Gender Health Gap: Wenn Evidenzlücken teuer werden« präsentieren Expertinnen Erfahrungsberichte, Forschung und den Stand der Versorgung.
AutorKontaktPaulina Kamm
Datum 04.11.2026  15:00 Uhr

»Herzerkrankungen sind Männererkrankungen« ist eine der Vorannahmen, die den Fortschritten der genderspezifischen Medizin im Weg standen und teilweise bis heute stehen. Doch die mangelnde Betrachtung geschlechtsspezifischer Faktoren in der medizinischen Versorgung und deren Konsequenzen kosten Geld. Darüber sind sich die Expertinnen und die Politik beim heutigen Parlamentarischen Frühstück zum Thema »Gender Health Gap: Wenn Evidenzlücken teuer werden« einig.

Die Autorin von »Diagnose: Frau«, Christina Pingel, hat besagte Konsequenzen selbst erlebt. Acht Jahre habe Pingels Mutter rezidivierend ärztliche Hilfe wegen diffuser Herzbeschwerden gesucht, bis sie einen Herzstillstand erlitt. Sie wurde schwerbehindert und zum Pflegefall – für 23 Jahre. »Wenn wir das hochrechnen, sind wir nur hinsichtlich der Pflegekosten bei circa 1,38 Millionen Euro«, so Pingel. Trotz der familiären Vorgeschichte habe man auch Pingels Herzrhythmusstörungen bis zu ihrer Operation an der Herzklappe zehn Jahre lang nicht ernst genommen: »Die Sätze, die ich gehört habe, sind ›Sie sind doch jung und eine Frau‹ und ›Das ist sicher psychosomatisch‹.«

Der Gender Health Gap habe viele Gesichter, berichtet Matthias Mieves, stellvertretender Gesundheitssprecher der SPD. Es gebe zu wenige geschlechtsspezifische Daten sowie unzureichende Nutzung vorhandener Daten, Probleme bei der Symptomerkennung abseits des männlichen Standards, fehlende Aufklärung in der Bevölkerung und bis heute die Durchführung der Medikamentenstudien mehrheitlich an männlichen Probanden.

Einblicke aus der Kardiologie

Professorin Vera Regitz-Zagrosek, Kardiologin und Seniorprofessorin an der Charité, liefert Beispiele aus der Versorgung. Gefäßablagerungen seien bei Frauen weniger punktuell als bei Männern, was das gesundheitliche Risiko allerdings nicht verringere. Nicht-obstruktive Ischämien (INOCA) seien relativ neu in der Forschung, treten vermehrt bei Frauen auf, vereinzelt auch bei Männern. In diesem Bereich fehle es an einer zielgerichteten Diagnostik, der Erfassung und Behandlung der Risikofaktoren, einer kausalen Therapie und hinreichender Prävention.

Insbesondere die Koronarangiografien, von denen Deutschland im europäischen Vergleich am zweitmeisten durchführe, seien teuer und relativ erkenntnisarm. Denn man könne zwar Ablagerungen in den Gefäßen sehen, einen Überblick über die gesamten Gefäßstörungen gebe die Untersuchung allerdings nicht. »Wenn Sie Frauen mit weniger als 60 Jahren untersuchen, haben Sie bei 80 Prozent einen negativen Befund. Die Frauen haben Beschwerden, die Koronarangiografie ist unauffällig, man sagt den Frauen, dass sie gesund seien. Die Frau kommt immer wieder im Laufe ihres Lebens«, erklärt Regitz-Zagrosek.

Zu den Risikofaktoren, die bei Frauen höher seien, aber seltener und schlechter behandelt würden, habe man einige neue Erkenntnisse gewonnen. Schwangerschaften können bei Hypercholesterinämie die Therapie verschlechtern, Schwangerschaftskomplikationen können zu kardiovaskulären Risikofaktoren werden und das Bewusstsein der Frauen über ihr eigenes Risiko sei häufig schlecht. Hier müsse das ärztliche Personal aktiv dem Bias gegenwirken, so Regitz-Zagrosek.

Deutschland habe mit regelmäßigen Check-Ups und einer breiten Arzneimittelversorgung eine gute Grundlage. An der Umsetzung gendersensibler Prävention scheitere es allerdings. Um dem entgegenzuwirken, empfiehlt die Expertin einen lebenslangen, geschlechtssensitiven Präventionspass.

Internationaler Vergleich

Regitz-Zagrosek liefert Einblicke in die Schweizer Versorgung: Forschungsgelder seien bewilligt, Geschlechterspezifität in der Lehre angekommen, man versuche, alle Berufsgruppen aus dem Gesundheitswesen und die Industrie zu erreichen, Kommunikation in die Bevölkerung und die Umsetzung der Maßnahmen funktionieren laut der Kardiologin besser.

Auch ein Blick nach Frankreich lohne sich, so Eva Biringer, die Autorin von »Unversehrt. Frauen und Schmerz«. Anhand des Beispiels der nationalen Endometriose-Strategie zeigt Biringer, dass eine bessere Versorgung politisch angestrebt werden muss: Die Verkürzung der Diagnosezeiten, kostenlose Speicheltests oder die Förderung der Ursachenforschung. Auch warb sie für den Aufbau von strukturierten Behandlungsnetzwerken, multidisziplinäre Zentren für Diagnostik und Therapie, staatlich geförderte Betroffenenorganisationen und eine Verankerung der Endometriose im Medizinstudium, wie sie in Frankreich 2022 veranlasst wurde.

Mehr von Avoxa