| Theo Dingermann |
| 30.07.2026 18:00 Uhr |
Ein weiterer wichtiger Befund betrifft den zeitlichen Verlauf der Immunantwort. Während bei vollständig Genesenen die Expression von Granzym B und des Aktivierungsmarkers CD38 nach der akuten Infektion kontinuierlich zurückging, blieben beide Marker bei Long-Covid-Patienten dauerhaft erhöht. Das Immunsystem scheint somit in einem Zustand anhaltender zytotoxischer Aktivierung zu verharren. Anscheinend wähnt sich das Immunsystem in einer immunologischen »Akutphase«, obwohl die Primärinfektion längst abgeklungen ist.
Die Forschenden interpretieren diesen Befund als Hinweis darauf, dass gerade das fehlende Abschalten der antiviralen CD8⁺-T-Zellantwort ein zentrales Merkmal von Long Covid sein könnte.
Besonders ausgeprägt war diese Signatur bei Frauen. Weibliche Long-Covid-Patientinnen wiesen signifikant höhere Anteile Granzym-B- und CD29-positiver CD8⁺-T-Zellen auf als Männer. Dieser Befund passt zur epidemiologischen Beobachtung, dass Frauen häufiger an Long Covid erkranken. Ob die verstärkte zytotoxische Immunantwort ursächlich zur höheren Krankheitslast beiträgt oder lediglich deren Folge darstellt, bleibt allerdings offen.
Die Studie liefert darüber hinaus Hinweise auf bislang wenig beachtete immunregulatorische Signalwege. So korrelierte die Häufigkeit erschöpfter EBV-spezifischer CD8⁺-T-Zellen bei Long Covid mit einer verstärkten Expression verschiedener immunsuppressiver Rezeptoren (SIGLEC7, SIGLEC11 und SIGLEC15). Diese Achse könnte künftig therapeutisch interessant werden, zumal SIGLEC15 bereits aus der Tumorimmunologie als potenzielles Target bekannt ist. Ebenso diskutieren die Forschenden den IL-10/SIGLEC-Signalweg als möglichen Angriffspunkt für neue Therapien.
Die Ergebnisse fügen sich in das wachsende Bild einer persistierenden Virus- oder Antigenstimulation bei Long Covid ein. Bereits frühere Arbeiten derselben Forschungsgruppe hatten gezeigt, dass SARS-CoV-2-RNA und immunologisch aktive Virusreservoire über Jahre in Geweben nachweisbar sein können. Die aktuelle Studie liefert nun eine plausible immunologische Erklärung, warum daraus chronische Symptome entstehen könnten, da die zytotoxische CD8⁺-T-Zellantwort dauerhaft aktiviert bleibt und Merkmale von Immunalterung und Erschöpfung entwickelt.
Dennoch mahnen die Forschenden zur Zurückhaltung. Die Kohorte war mit 20 postakuten Patienten klein, und die Arbeit beschreibt vor allem immunologische Zusammenhänge, ohne deren Kausalität nachzuweisen. Ob die persistierenden zytotoxischen T-Zellen tatsächlich die Symptome verursachen oder lediglich ein Begleitphänomen darstellen, muss nun in größeren longitudinalen Studien sowie Tiermodellen geklärt werden. Gleichwohl liefert die Arbeit eines der bislang überzeugendsten immunologischen Modelle für Long Covid und identifiziert zugleich mehrere potenzielle Biomarker sowie neue therapeutische Zielstrukturen.