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Psychoneuroimmunologie

Emotionen steuern das Immunsystem

Und dann kommt noch der Faktor Zeit ins Spiel. Denn auch das ist ein Verdienst der PNI: die Erkenntnis, dass belastende Lebenseinflüsse in der frühen Kindheit ihre negativen Folgen für die körperliche und seelische Gesundheit noch Jahrzehnte später zeigen können.  Als ein Meilenstein der diesbezüglichen medizinischen Forschung gilt die Adverse Childhood Experiences-(ACE-)Studie. Mehr als 17.000 Erwachsene der US-amerikanischen Mittelschicht wurden über traumatische oder gewalttätige Kindheitserlebnisse und typische familiäre Problemsituationen befragt. Nur ein Drittel konnte sich an keine schwerwiegenden negativen Erfahrungen erinnern. Besonders häufig genannt wurden körperliche Misshandlungen (28 Prozent), Alkohol- oder ­Drogenmissbrauch eines Familienmitglieds (27 Prozent) und Trennung der Eltern (23 Prozent).

Der Zusammenhang mit dem Gesundheitszustand im Erwachsenenleben war eindeutig. Je mehr negative Kindheitserlebnisse die Probanden zu Protokoll gaben, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass sie aktuell – im Schnitt etwa 50 Jahre später – an ­einer organischen oder psychiatrischen Erkrankung litten. Bei vier oder mehr frühen Traumata verdoppelte sich beispielsweise das Risiko von Diabetes, Krebserkrankung oder Schlaganfall nahezu. Psychische Ereignisse erwiesen sich in einer Sekundäranalyse sogar als bessere Prädiktoren einer ischämischen Herzerkrankung als die klassischen Risikofaktoren wie Adipositas, Rauchen und körperliche Inaktivität.

In der Nachbeobachtungsphase der ACE-Studie von rund 15 Jahren zeigte sich, dass Menschen mit mehr als sechs Kindheitstraumata durchschnittlich 20 Jahre früher verstarben als Menschen ohne eine solch belastende Vorgeschichte.

Auch der Zusammenhang zwischen frühkindlichen Erfahrungen und späteren Erkrankungen lässt sich durch eine Fehlregulation der HPA-Achse erklären. Normalerweise wird das Stresssystem nach einer anfänglichen hyperreaktiven Phase im ersten Lebensjahr zunehmend schwerer stimulierbar. Dieser Schutz vor psychischen Belastungen werde durch eine sichere Bindung des Kindes an seine Eltern oder Bezugspersonen vermittelt, erläutert Schubert. Bei misshandelten Kindern komme es dagegen aufgrund der dauerhaften HPA-Aktivierung zu einem Crash im Stresssystem mit verringerten morgendlichen Cortisolwerten und erhöhten Entzündungswerten im späteren Erwachsenenleben.

Wichtig ist für den Arzt und Psychologen, dass man in diesen dynamischen Prozess zu jedem Zeitpunkt eingreifen kann. Schubert betont im Gespräch mit der PZ: »Das Stresssystem kann sich, wenn der psychische Schaden nicht zu groß ist, wieder einregulieren. Vor allem im Kindesalter kann man durch psychosoziale Unterstützung und Psychoedukation der Eltern viel bewirken.« Studien belegen beispielsweise, dass Kinder von geschiedenen Eltern im Erwachsenenalter eine geringere Widerstandskraft gegen Erkältungsviren haben. Hatten es die Bezugspersonen jedoch trotz der Trennung geschafft, miteinander im Gespräch zu bleiben, sank das Infektionsrisiko der erwachsenen Kinder auf das Niveau von Vergleichspersonen mit einem intakten Elternhaus.

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