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Psychoneuroimmunologie

Emotionen steuern das Immunsystem

Ein Defizit auf der Seite der zellulären TH1-Immunität durch die Aktivierung der HPA-Achse kann auch die Anfälligkeit für Infektionen erhöhen. Studien mit gesunden Probanden, die unter Quarantänebedingungen mit Rhino- oder Influenzaviren infiziert wurden, zeigten: Je stärker die psychosoziale Belastung der Versuchspersonen zu ­Beginn war, desto höher war die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung. Auch das Ausmaß der Beschwerden stieg. Der größte Teil des höheren Erkrankungsrisikos nach der Influenza-A-­Infektion ließ sich auf ein höheres ­IL-6-Level zurückführen.

Andere Studien belegen eine stressbedingte Aktivierung latenter Infektionen mit Herpes- oder Epstein-Barr-Viren. Stress kann sogar das Ansprechen der hochaktiven antiviralen Therapie (HAART) bei HIV-positiven Patienten negativ beeinflussen: Je höher die psychische Belastung zu Beginn der Behandlung war, desto höher war in einer Untersuchung die verbleibende Viruslast nach sechs Monaten.

Die gute Nachricht: Die Psyche beeinflusst das Immunsystem auch in ­positiver Richtung. »Fest steht, dass vertrauensvolle Beziehungen sowie das Erleben sozialer Unterstützung mit ­geringeren Entzündungswerten verbunden sind und somit die Immunabwehr stärken«, erklärt Schubert.

Ein hohes Maß an freundschaftlichen und familiären Kontakten und an sozialer Aktivität gehe nachweislich mit geringeren Entzündungslevels und einer effektiveren Regulation von Immunzellen einher. Auch durch die gezielte Anwendung von Entspannungsstrategien lassen sich positive qualitative und quantitative Effekte auf die Immunantwort nachweisen.

Aus psychoneuroimmunologischer Sicht können psychische Effekte auf das Abwehrsystem auch eine Spontan- oder Selbstheilung erklären: Alles, was die Stressverarbeitung fördert, verbessert die Immunfunktion und erleichtert somit die Genesung.

Immunsystem schlägt auf die Stimmung

Eine relativ junge Erkenntnis der PNI ist, dass sich nicht nur psychische Faktoren auf das Immunsystem auswirken, sondern umgekehrt auch das Immun­system unser Verhalten und unsere Stimmung beeinflusst. Das zeigt sich beispielsweise beim »Sickness Beha­viour« (Krankheitsverhalten).

Sobald unser Immunsystem eine Infektion registriert, leitet es diese Information über den Parasympathikus an unterschiedliche Bereiche des Gehirns weiter. Gleichzeitig gelangen proinflammatorische Zytokine aus dem peripheren Blutkreislauf durch die Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn. »Das Immunsystem funktioniert dabei wie ein sechster Sinn. Lange bevor sich die immunologische Reaktion körperlich manifestiert, spüren wir ein Krankheitsgefühl«, erklärt Schubert. Das führt dazu, dass wir uns weniger bewegen, schneller erschöpft sind, mehr schlafen und weniger Interesse an sozialen Beziehungen haben. »Der Körper spart Energie ein, die er braucht, um die Infektion schon im Frühstadium zu bekämpfen.«

Erhöhte Spiegel an proinflammatorischen Zytokinen und ganz ähnliche Symptome wie beim Sickness Beha­viour – Erschöpfung, Müdigkeit, Interesselosigkeit – findet man auch bei Depressionen. Psychoneuroimmunologen gehen deshalb davon aus, dass beiden eine ähnliche Pathophysiologie zugrunde liegt. Dafür spricht, dass bei einigen chronisch-entzündlichen Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis oder Psoriasis das Risiko einer Depression erhöht ist. Bei Immuntherapien gegen Krebs und Hepatitis C, bei denen zur Steigerung der protektiven Immunaktivität Interferon-α und andere entzündungsfördernde Zytokine verabreicht werden, tritt ein depressionsähnliches Krankheitsbild als häufige Nebenwirkung auf. Mit dem Absetzen der Therapie verschwinden die Symptome wieder.

Bei krebsassoziierter Fatigue wurde ebenfalls ein Anstieg von Entzündungsmarkern (IL-6, Neopterin) nachgewiesen. Gleichzeitig zeigte eine ­integrative Einzelfallstudie, dass schlechte Schlafqualität bei einer von Fatigue betroffenen Brustkrebspatientin 72 bis 96 Stunden später zu einem Anstieg der Neopterin-Werte führte.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch zahlreiche Belege dafür, dass eine Depression ihrerseits, ebenso wie Stress, die Bildung von proinflammatorischen Zytokinen stimulieren kann. Die Interaktionen zwischen psychischer Erkrankung und somatischen Entzündungsprozessen sind also bi­direktional. All das dient Psychoneuroimmunologen als Beweis dafür, dassKörper und Seele eine Einheit darstellen.

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