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Alkohol
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Die stille Last der Kinder

Wenn bei Alkohol das Limit überschritten wird, leidet das Umfeld mit. Kinder mit fetaler Alkoholspektrumstörung oder von suchtkranken Eltern brauchen Unterstützung, therapeutische Angebote und verlässliche Bezugspersonen. Aufmerksamkeit will der »Tag des alkoholgeschädigten Kindes« am 9. September wecken.
AutorKontaktNicole Schuster
Datum 31.08.2025  08:00 Uhr

Jeder Tropfen ist einer zu viel: So heißt die aktuelle Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für Alkohol. Menschen, die übermäßig Trinkalkohol (Ethanol) konsumieren, schaden damit nicht nur sich selbst, sondern beeinträchtigen auch das Leben anderer Menschen, vor allem der eigenen Familie. Besonders leiden Kinder alkoholkranker Elternteile.

Irreparable körperliche und psychische Schäden können bereits vor der Geburt entstehen, wenn die werdende Mutter Alkohol trinkt. Selbst eine geringe pränatale Exposition kann fetale Alkoholspektrumstörungen (FASD) auslösen. Ethanol gelangt über die Plazenta zum ungeborenen Kind und wirkt toxisch auf die sich entwickelnden Organe, insbesondere das Gehirn. Irreversible Störungen in der Gehirnstruktur und -funktion führen zu Entwicklungsverzögerungen, kognitiven Defiziten, Verhaltensauffälligkeiten und körperlichen Fehlbildungen.

Alkohol geht über das Blut auch in die Muttermilch über und das sogar fast vollständig. So entspricht die Alkoholkonzentration in der Milch zu etwa 95 Prozent der mütterlichen Blutalkoholkonzentration. Belastbare Daten zu den Auswirkungen auf das Kind fehlen noch. Im Sinne des vorbeugenden Gesundheitsschutzes wird dennoch geraten, während der Stillzeit ganz auf Alkohol zu verzichten (1, 2).

Hohe Dunkelziffer

Viele Frauen unterschätzen die Folgen, die Alkoholkonsum in der Schwangerschaft für das Kind bedeuten kann. FASD sind eine der häufigsten angeborenen Erkrankungen, bleiben aber oft unerkannt. Schätzungen zufolge liegt die Prävalenz weltweit bei etwa 1 bis 5 Prozent aller Neugeborenen, in Risikogruppen deutlich höher. In Deutschland kommen jährlich mehr als 10.000 Neugeborene mit alkoholbedingten Schädigungen zur Welt.

Die Kinder zeigen häufig Wachstumsstörungen und sind bei Geburt und im weiteren Verlauf oft kleiner und leichter als ihre Altersgenossen. Typische Gesichtsmerkmale wie kurze Lidspalten, eine verstrichene Rinne zwischen Nase und Oberlippe sowie eine schmale Oberlippe können auffallen. Fehlbildungen bei Organen wie Nieren oder Herz sind möglich.

Am schwerwiegendsten sind irreversible Schäden des zentralen Nervensystems. Das Gehirn kann unterentwickelt sein, was sich unter anderem in einem kleinen Kopfumfang (Mikrozephalie) bemerkbar macht. Die Betroffenen haben häufig Probleme mit Sprache, Lernen, Aufmerksamkeit, Verhalten, Feinmotorik und Koordination. Das Risiko für epileptische Anfälle ist erhöht. Häufige Infekte, Schlafprobleme und eine gestörte Sinneswahrnehmung, etwa Überempfindlichkeit oder fehlendes Schmerzempfinden, belasten im Alltag zusätzlich.

Der Begriff FASD umfasst verschiedene Krankheitsbilder, die sich in Schweregrad und Symptomen (Tabelle 1) unterscheiden.

  • Das fetale Alkoholsyndrom (FAS) ist die ausgeprägteste Form. Menschen mit schwerem FAS haben eine stark reduzierte Lebenserwartung und werden durchschnittlich nur rund 34 Jahre alt. Haupttodesursachen sind Suizid, Unfälle und Vergiftungen.
  • Beim partiellen fetalen Alkoholsyndrom (pFAS) liegen nur einige der charakteristischen Merkmale vor. Die Symptome können milder sein, dennoch ist die geistige und soziale Entwicklung auch hier merklich beeinträchtigt.
  • Die alkoholbedingte Neuroentwicklungsstörung (ARND) äußert sich vor allem in kognitiven und neurologischen Einschränkungen, die sich als Lern- und Verhaltensstörungen äußern können. Äußerlich sind die Kinder meist unauffällig, was die Diagnose erschwert (3, 4).
Bereich Mögliche Auffälligkeiten Mögliche Interventionen
Neuropsychologie Konzentrationsstörungen, Lern- und Gedächtnisprobleme, beeinträchtigte Exekutivfunktionen zielgerichtetes neurokognitives Training und strukturierte Lernumgebung
Verhalten Impulsivität, Hyperaktivität, oppositionelles Verhalten, emotionale Instabilität Verhaltenstherapie, Elterntraining, ggf. medikamentöse Unterstützung (Beispiel: Methylphenidat)
soziale Kompetenz eingeschränktes Einfühlungsvermögen, Schwierigkeiten in sozialen Beziehungen Sozialkompetenztraining, tiergestützte Therapie, Elternberatung
Motorik fein- und grobmotorische Koordinationsprobleme Ergotherapie, spezifisches Motoriktraining
Sprache verzögerte Sprachentwicklung, eingeschränktes Sprachverständnis Logopädie, Förderung rezeptiver und expressiver Sprachfähigkeiten
körperliche Begleiterkrankungen Schlafstörungen, Epilepsie, somatische Beschwerden wie Magen-Darm-Probleme interdisziplinäre medizinische Abklärung, eventuell Medikamente
psychische Komorbiditäten ADHS, Angststörungen, Depressionen, Substanzmissbrauch Psychotherapie, medikamentöse Therapie gemäß Fachleitlinien
Familie & Umfeld Überforderung der Bezugspersonen, instabile Lebensverhältnisse Psychoedukation, sozialpädagogische Unterstützung, entlastende Maßnahmen
Schule & Alltag Schwierigkeiten im Klassenverband, geringe Selbstständigkeit Anpassung der Lernumgebung, Einzelfallhilfen, heilpädagogische Maßnahmen
Tabelle 1: FASD-Symptome und mögliche Interventionen (4)

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