| Lukas Brockfeld |
| 15.09.2026 16:50 Uhr |
ABDA-Hauptgeschäftsführerin Franziska Erdle sprach in ihrem ersten Bericht beim Deutschen Apothekertag auch über viele persönliche Eindrücke. Besonders beeindruckt hat sie der Protesttag am 23. März. / © PZ/Alois Müller
Für Franziska Erdle war es der erste Deutsche Apothekertag Hauptgeschäftsführerin der ABDA. Die Vorstellung ihres Berichtes nutzte sie für eine Rückschau auf ihr erstes Jahr im Amt: »Wenn ich auf dieses erste Jahr zurückblicke, dann gibt es einen Begriff, der es sehr gut zusammenfasst: Leben in der Lage!
Denn vom ersten Tag an gab es ein Thema, das mich und das gesamte Apothekerhaus von Beginn an im Grunde rund um die Uhr beschäftigt und auf Trab gehalten hat: das Apothekenreformpaket mit ApoVWG, Arzneimittelpreisverordnung und Apothekenbetriebsordnung«, so Erdle – das wichtigste Reformpaket der vergangenen Jahre.
Immer wieder habe es im Gesetzgebungsprozess Veränderungen gegeben, auch kurzfristig. Das habe die Arbeit der ABDA erschwert. Doch in der Rückschau ist Erdle zufrieden: »Es ist uns gelungen, die politische Kampagne zum ApoVWG so hinzubekommen, dass jede einzelne Maßnahme bezüglich Adressat, Botschaft und Zeitpunkt zielgenau gesetzt wurde. Und damit die größtmögliche Wirkung entfaltet hat.«
Das sei nur mit der Unterstützung der Apothekerschaft möglich gewesen. Erdle hob besonders die großen Proteste am 23. März hervor. »Ich bin zum ersten Mal in meinem Berufsleben Teil einer Branche, die wirklich kampagnenfähig ist. Die die Lage aktiv beeinflusst. Und das ist etwas, das die Apothekerschaft auszeichnet – sie abhebt von anderen«, so die Hauptgeschäftsführerin. »Die Apothekerschaft kann mobilisieren. Sie kann geschlossen handeln. Und wenn sie das tut, dann wird sie gehört.«
Doch leider habe man politisch nicht nur Erfolge zu verbuchen. »Gegen den erhöhten Apothekenabschlag im GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz haben wir gekämpft – denn wir waren und sind der Meinung: Den Sparbeitrag, der von den Apotheken eingefordert wird, haben diese in den letzten 13 Jahren schon erbracht! Leider konnten wir in diesem Fall die Lage nicht verändern«, bedauerte Erdle. Die wirtschaftliche Stabilisierung der Apotheken bleibe also weiterhin eine Herausforderung.
In den kommenden Jahren werde sich die Position der Apotheken im Gesundheitswesen verändern. Mit dem ApoVWG könnten Apotheken unter anderem deutlich mehr Impfungen verabreichen und unter bestimmten Bedingungen Rx-Medikamente ohne Rezept abgeben.
»Mit diesem Paket sind die Apotheken auf dem Weg: vom Anbieter einzelner Dienstleistungen hin zu einem umfassenden Versorgungsmodell vor Ort«, freute sich die Hauptgeschäftsführerin. Die ABDA werde die Apotheken bei der praktischen Umsetzung der neuen Angebote unterstützen. Die Standardarbeitsanweisungen seien bereits fertig. So soll es beispielsweise zur Injektabilia-Beratung auch Schulungsvideos, wie es diese bereits zu Inhalatoren gibt.
Außerdem sollen die pharmazeutischen Dienstleistungen weiterentwickelt und das neue Primärversorgungssystem mitgestaltet werden. »In Zeiten, wo Arztpraxen überlastet sind und Terminwartezeiten wachsen, wäre es gesundheitspolitisch auch schlichtweg fahrlässig, die vor Ort Kompetenz der Apotheke nicht konsequenter zu nutzen«, betonte Erdle. Die ABDA bleibe »mit dem Fuß auf dem Gaspedal« und habe neue Vorschläge für weitere pDL erarbeitet und bereits in den Diskussionsprozess für ein Primärversorgungssystem eingebracht. Sie nannte exemplarisch:
»Unser Ziel ist klar: Primärversorgung muss über die Apotheken gedacht werden.«
Erdle lobte in diesem Zusammenhang auch die Verhandlungskommissionen der Apotheker, die in diesem Jahr 220 Stunden lang mit den Kostenträgern verhandelt hätten, um zu erreichen, dass die neuen Aufgaben der Apotheken auch adäquat vergütet werden.
Als Beispiele nannte sie den Vertrag zur assistierten Telemedizin, das Impfhonorar sowie den Sichtbezug in der Substitutionsversorgung. »Wir haben erreicht, dass Apotheken die gleiche Vergütung erhalten wie Arztpraxen. Für die Apotheken entstehen dadurch zusätzliche Einnahmen von insgesamt mehr als 20 Millionen Euro pro Jahr«, so Erdle in Bezug auf die Sichtvergabe.
Doch die ABDA beschäftigte sich in den vergangenen Monaten nicht nur mit der Apothekenreform. So habe man die »AG Krisenvorsorge« ins Leben gerufen, die die Apothekerschaft auf Krisensituationen wie Stromausfälle oder Pandemien vorbereiten soll. Man baue ein Netzwerk mit Partnern aus dem Gesundheitswesen und der Bundeswehr auf. »Hoffen wir alle, dass der Worst Case nicht eintreten wird«, sagte Erdle.
Auch in Brüssel sei die ABDA sehr aktiv, etwa um eine strengere Regulierung des Versandhandels zu erreichen. »Wir bewegen uns hier in einem Bermudadreieck von nationalen Zuständigkeiten, fehlenden grenzüberschreitenden Kompetenzen und den Anforderungen des EU-Binnenmarktes. Die Folge ist ein andauernder und fortgesetzter Rechtsbruch der ausländischen Versender«, erklärte die Hauptgeschäftsführerin. Man habe gegenüber der EU sehr deutlich gemacht, dass der Europäische Binnenmarkt kein Deckmäntelchen für Rechtsbruch sein dürfe.
In ihrem ersten Jahr habe sie gelernt, wie wichtig der Zusammenhalt des Berufsstandes sei. »Wenn die Apothekerschaft zusammensteht, wenn sie sich auf gemeinsame Ziele verständigt und wenn sie geschlossen handelt, dann ist sie erfolgreich«, so das Fazit der neuen ABDA-Hauptgeschäftsführerin.