Pharmazeutische Zeitung online
Datennutzung

Deutschland liegt weit zurück

Die oft benutzte Metapher des »Blicks über den Tellerrand« ist eine auf Frank Wartenberg ganz besonders zutreffende. Zum einen ermöglicht der für Zentraleuropa zuständige Präsident des Beratungsdienstleisters IQVIA diesen seinen Kunden, zum anderen hat er ihn schon bei seiner universitären Ausbildung gesucht.
25.09.2018
Datenschutz bei der PZ

Die Studienkombination, für die sich Frank Wartenberg an der Universität Karlsruhe entschied, war definitiv keine der üblichen. Denn nach Beendigung des Grundstudiums in Wirtschaftsingenieurwesen schrieb er sich parallel für Geschichte und Philosophie ein. Er habe ein Gegengewicht zur abstrakten Denkwelt der Wirtschaftsingenieure gebraucht, begründet er die Entscheidung, die immer noch seine Denkweise prägt. Nicht nur wegen seines Weitblicks ist er heute ein gefragter Vortragender, der seine Zuhörer unter anderem beim DAV-Wirtschaftsforum 2018 über die neuen Chancen in der Versorgung informierte, die sich aus dem Zusammenspiel Big Data und fortgeschrittener Analytik ergeben.

Das Thema liegt Wartenberg nicht nur deshalb am Herzen, weil Daten die Basis für das Geschäftsmodell der IQVIA sind. Er ist davon überzeugt, dass deren Nutzung für Forschungszwecke auch und besonders in Deutschland deutlich ausgebaut werden muss. Derzeit liege die Bundesrepublik in diesem Feld im internationalen Vergleich weit zurück, beklagt er. Obwohl Digitalisierung und die Nutzung von Daten für die Forschung inzwischen auch hierzulande politisch anerkannte zentrale Themen seien, passiere noch zu wenig, erklärt Wartenberg, das könnte sich aber ändern. »Immerhin wurde der Ausbau von Gesundheitsforschung, die den Patienten in den Mittelpunkt stellt, im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD als Ziel der Gesundheitspolitik definiert.«

Apothekenleiter könnten passgenaue Daten zur Bewertung ihres betriebswirtschaftlichen Erfolgs und zur besseren Preisgestaltung auch im Vergleich zu den Wettbewerbern nutzen. Wichtig sei dabei allerdings immer der Blick darauf, mit wem die Daten ausgetauscht werden. Klare vertragliche Strukturen sind laut Wartenberg dafür unverzichtbare Voraussetzung. Nur so wissen die Apotheken schon im Vorfeld einer Geschäftsbeziehung, welche Daten sie bekommen und was mit ihren eigenen geschieht. Der daraus resultierende ökonomische Nutzen sei dabei zwar eine wichtige, aber eben auch nur eine Seite der Medaille.

Versorgungsalltag optimieren

Denn eine verbesserte Datenlage könne darüber hinaus dazu beitragen, den Versorgungsalltag zu optimieren. Unter anderem deshalb werden die verstärkte Nutzung von Big Data und Cloud Computing zentrale Themen in den Diskussionen des neuen Pharmadialogs sein. Für Apotheker könnten sich dadurch beispielsweise konkrete Hilfestellungen für ihre Beratung der Kunden und Patienten beispielsweise zur Dosierung von Medikamenten, aber auch zu Neben- und Wechselwirkungen sowie zur Verbesserung der Adhärenz ergeben. Eine Kombination der Vorgaben aus den Leitlinien mit arzneimittelbezogenen Daten aus dem Versorgungsalltag könnten in allen diesen Bereichen apothekerlichen Handelns zusätzliche Interventionsmöglichkeiten erschließen.

Dass die Apotheker stärker als bislang in die Optimierung der Arzneimitteltherapie eingebunden werden müssen, steht für Frank Wartenberg außer Frage. »Internationale Studien zeigen, dass hier erhebliche Potenziale schlummern«, erklärt der Zentraleuropa-Chef von IQVIA. Das Perspektivpapier und das Leitbild der Apothekerorganisationen gehen daher genau in die richtige Richtung.

In diesem Zusammenhang bewertet Wartenberg das 2HM-Gutachten im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums kritisch. »Das, was da steht, ist eine theoretische Diskussion, die in vielen Aspekten an der Realität vorbeigeht. Unser Verständnis von den Aufgaben und der Funktion der Apotheken ist ein anderes« resümiert er.

Klare Positionen

Überhaupt bezieht Frank Wartenberg klare Positionen. So befürwortet er auch nicht die zwischenzeitlich geäußerte Idee, die Gesundheitskarte zugunsten einer webbasierten Portallösung fallen zu lassen. Die Verzögerungen hätten nicht an mangelnden Konzepten und Umsetzungsmöglichkeiten, sondern am nahezu erbitterten Widerstand einiger handelnder Akteure gelegen. Erfahrungen in anderen Ländern wie beispielsweise Österreich hätten eindeutig gezeigt, dass die Kartenlösung funktionieren kann. Sie sei auch keine gestrige Technologie. Eine sichere Authentifizierung wird auf jeden Fall gebaucht. Um die Datensicherheit zu gewährleisten, gibt IQVIA einer dezentralen Speicherung dabei den Vorzug vor zentralen Lösungen«, so Wartenberg.

Dies gelte insbesondere für ein Land wie Deutschland, in dem der Datenschutz eine derart herausragende Rolle spiele. »Wir müssen bei der Nutzung von Daten aus dem Versorgungsalltag schnellstmöglich den Anschluss an die Entwicklung in anderen europäischen Ländern finden, erklärt der IQVIA-Chef. Dies würde auch die Nutzenbewertung weiterbringen. »Studien unter Idealbedingungen bilden bei Weitem nicht immer die Wirksamkeit in der routinemäßigen Anwendung unter Alltagsbedingungen angemessen ab. Hier sind Studien mit realen Versorgungsdaten mit ihrem breiteren Ansatz eine notwendige Ergänzung.« Auch die Therapie seltener Erkrankungen könnte so erheblich optimiert werden. Dies zeige der Blick nach England, das über eine vergleichbare Datenmenge wie Deutschland verfüge. Schließlich könne die gezielte Analyse von Versorgungsdaten auch der Industrie dabei helfen, schneller die passenden Studienzentren für klinische Untersuchungen ausfindig zu machen. »So spart man Zeit und die innovativen Produkte gelangen früher auf den Markt.«

Als Berater hat Frank Wartenberg immer das große Ganze im Blick. Dazu braucht es, wie er es formulierte, die Bereitschaft »mit offenem Geist durch die Welt zu gehen«.

Und dies tut er auch außerhalb seiner Arbeit. Mit seiner Familie, beim Golfspielen und beim Lesen guter Bücher findet er Entspannung. Das große Bild der anderen Art sucht er gerne mit seiner Kamera. Und weil dem ambitionierten Hobbyfotografen dafür die relativ seltene Freizeit nicht immer ausreicht, nimmt er seine Ausrüstung auch auf seinen Geschäftsreisen mit. Bei aller konzeptioneller Klarheit hat Wartenberg eben auch eine gesunde Beziehung zum Praktischen.

Text: Elmar Esser

Foto: PZ/Wagenzik

Mehr von Avoxa