Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Internationale Freinamen
-
Der Name ist Programm

Eine schier unüberschaubare Zahl von Arzneistoffen ist in Deutschland auf dem Markt. Die Internationalen Freinamen (INN) sind ein probates Mittel, Arzneistoffe bestimmten Klassen zuzuordnen. Ermöglicht wird dies durch ein System markanter Kennsilben in den Namen. Ein Überblick über Präfixe, Infixe und Suffixe als informative Bestandteile von Arzneistoffnamen.
AutorKontaktFranz Bracher
AutorKontaktFerdinand Breu
AutorKontaktIsabel Hammerl
Datum 06.06.2021  08:00 Uhr

Spezialfall »fos«: Chamäleon unter den Kennsilben

Die Kennsilbe »fos« (gelegentlich auch »phos«) weist auf das Vorhandensein einer phosphorhaltigen funktionellen Gruppe hin (Abbildung 1). Bekannteste Vertreter sind Phosphonsäuren (R-PO(OH)2, also mit C-P-Bindung) und ihre Derivate, auch »Phosphonate« genannt (zum Beispiel Bisphosphonate wie Natriumalendronat – obwohl ohne »fos« im INN), und die Ester der Phosphorsäure mit Alkoholen oder Phenolen (R-O-PO(OH)2, also mit C-O-P-Strukturelement), synonym »Phosphate« wie Betamethason-21-phosphat-Dinatrium. Auf die zahlreichen Pestizide auf Organophosphat-Basis mit »fos« soll hier nicht eingegangen werden.

Als Präfix trifft man »Fos« an in dem Virustatikum Foscarnet und dem Antibiotikum Fosfomycin, beides Verbindungen mit Phosphonsäurestruktur, die in Form von wasserlöslichen Salzen parenteral appliziert werden. Im Gegensatz dazu stehen einige Prodrugs, in denen lipophile Grundsubstanzen mithilfe von Phosphorsäure in (im Körper rasch wieder zur Muttersubstanz gespaltene) Prodrugs überführt werden: als Phosphorsäureester HIV-Medikamente wie Fosamprenavir und (ganz neu) Fostemsavir, aber auch der bei der Immunthrombozytopenie eingesetzte Kinaseinhibitor Fostamatinib. Das Antiemetikum Fosaprepitant hingegen ist ein Phosphorsäure-Monoamid.

Noch exotischer ist Fosinopril, ein ACE-Hemmer mit Phosphinat-Partialstruktur (zwei C-P-Bindungen). Diese Verbindung ist auch ein Prodrug, allerdings vom Doppelester-Typ (zum Prinzip siehe weiter unten) – die phosphorhaltige funktionelle Gruppe gehört hier zur Wirkform (Abbildung 1).

Das »fos« als Infix findet sich in unterschiedlichen Wirkstoffen: im antiprotozoal wirksamen Phospholipid Miltefosin in Form eines unsymmetrischen Diesters der Phosphorsäure, in den vom Kampfgas N-Lost abgeleiteten Zytostatika Ifosfamid und Trofosfamid in Form eines Phosphorsäure-Monoester-Diamids und im Antibiotikum Ceftarolinfosamil wieder in Form eines Phosphorsäureamids, einem Prodrug zur Verbesserung der Wasserlöslichkeit (Abbildung 2).

Fazit: Aus der Kennsilbe »fos« lässt sich nur auf das Vorhandensein eines Phosphoratoms im Molekül schließen – mehr aber auch nicht!

Mehr von Avoxa