Umfragen zufolge hat die neue Partei Potenzial. Laut einer Erhebung der Denkfabrik Istanpol in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung von Anfang Juli könnten sich rund 30 Prozent der Befragten vorstellen, für eine damals noch hypothetische neue Partei Özels zu stimmen – sie würde damit an Erdogans islamisch-konservativer Regierungspartei AKP vorbeiziehen.
Die Umfrage zeigt zudem, dass Özels neue Partei nicht nur Stimmen innerhalb der CHP, sondern auch aus anderen politischen Lagern gewinnen könnte. »Wir wollen etwas Neues schaffen«, sagt der Abgeordnete und Özel-Unterstützer Sezgin Tanrikulu der dpa.
Auf dem neuen Weg liegen aber auch viele Steine. Özel muss unter anderem die Finanzierung seiner neuen Partei sichern.
Die nächsten Präsidentschaftswahlen stehen regulär 2028 an, könnten aber vorgezogen werden. Erdogan ist trotz hoher Inflation und Unzufriedenheit noch immer populär. Er stellt den Streit um den CHP-Vorsitz als parteiinternen Konflikt dar und präsentiert sich selbst als Führungsfigur. Erst Anfang Juli stellte er auf dem Nato-Gipfel in Ankara zur Schau, dass man auch auf internationaler Bühne kaum an ihm vorbeikommt.
Auch der politische Spielraum für die neue Partei ist eingeschränkt. Ein Großteil der Medien steht unter staatlicher Kontrolle. Nicht nur Erdogans aussichtsreichster Gegner Imamoglu sitzt im Gefängnis. Wöchentlich werden weitere Bürgermeister festgenommen, darunter Weggefährten Özels. Zahlreiche Regierungskritiker sitzen in Haft.
Während die Regierung stets auf die Unabhängigkeit der Justiz verweist, wirft Özel der türkischen Führung vor, politische Gegner so aus dem Weg zu räumen und Kritiker zum Schweigen bringen zu wollen. Der Apotheker betont immer wieder, dass er keine Angst vor dem Gefängnis hat: »Wer Angst vor Eisen hat, steigt nicht in den Zug«, sagte er vor Kurzem auf die Frage eines Bürgers danach.