Özgür Özel kündigt in Ankara die Gründung einer neuen Partei an. Der frühere CHP-Vorsitzende setzt auf einen Neuanfang im Kampf gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan. / © Imago/Anadolu Agency
Rund zwei Monate ist es her, dass die Polizei die Zentrale der größten Oppositionspartei CHP mit Tränengas gestürmt hatte, wo sich Oppositionspolitiker Özgür Özel verbarrikadierte. Er protestierte damit gegen seine gerichtliche Absetzung als CHP-Chef. Anschließend lief er im strömenden Regen durch Ankara – Tausende folgten ihm.
Nun kündigt der Apotheker vor jubelnden Anhängern bei einer Fraktionsrede in Ankara die Gründung einer neuen Partei an. Ein Großteil der CHP-Abgeordneten würde übertreten, sobald die technischen Details abgeschlossen seien, sagt er. Beobachter gehen davon aus, dass rund 80 der 135 CHP-Abgeordneten zu Özels neuer Partei überlaufen könnten – das würde sie mit einem Schlag zur größten Oppositionspartei im türkischen Parlament machen.
Mit der »Wehmut eines Abschieds« sei er an das Rednerpult getreten, sagte Özel. Die CHP sei unter Besatzung – man werde das Erbe des Staatsgründers Atatürk auf den Schultern tragen, erklärte er unter tosendem Applaus.
Bevor es ihn in die Politik zog, studierte Özel in der Küstenmetropole Izmir Pharmazie und war Chef der Apothekervereinigung seiner Heimatprovinz Manisa. Schon als Abgeordneter von Manisa galt er als rastlos und als jemand, der Politik nah an den Menschen macht.
Özel wächst mit der angekündigten Neugründung über sich hinaus: Früher galt er eher als farbloser Politiker und hielt sich in der CHP im Hintergrund. Mit den Jahren gewann der Apotheker an Profil. Nach der Niederlage Kilicdaroglus bei den Präsidentenwahlen 2023 forderte er diesen in einer Kampfabstimmung um den CHP-Vorsitz heraus – und gewann.
Er richtete die damals als elitär geltende größte Oppositionspartei neu aus und stellte teils junge Politikerinnen und Politiker als Kandidaten für die Bürgermeisterwahl auf. Das zahlte sich aus: 2024 wurde die CHP landesweit stärkste Partei bei den Kommunalwahlen. Auch persönlich vollzog Özel einen Imagewandel: Die Brille kam weg, und er trug eine modernere Frisur.
Nach der Festnahme des profiliertesten Erdogan-Rivalen, des ehemaligen Istanbuler Bürgermeisters Ekrem Imamoglu, im März 2025 rückte Özel immer mehr ins Scheinwerferlicht. Er betonte dabei seine Unterstützung für Imamoglu.