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Kommentar
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Spahn ist an Spahn gescheitert

Die politische Karriere von Jens Spahn ist zumindest vorerst zu Ende. Der Fraktionschef der Union ist zurückgetreten. Es sagt viel über Spahn und das politische Geschäft aus, worüber er am Ende gestolpert ist. Ein Kommentar von Alexander Müller.
AutorAlexander Müller
Datum 20.07.2026  12:00 Uhr

Die Apothekerschaft begleitet Spahn seit vielen Jahren. Er hat sich als Gesundheitspolitiker einen Namen gemacht und kannte das System so gut, dass er zu Abkürzungen fähig war. Während der Corona-Pandemie hat er die Apotheken in eine zentrale Stellung gebracht – und ist damit auch einer der Wegbereiter der aktuellen Entwicklungen um neue Aufgaben.

Aber die Apothekerschaft hat auch den anderen Spahn kennengelernt. Den Freund des Versandhandels, der das im Koalitionsvertrag angekündigte Rx-Versandverbot unter fadenscheinigen Gründen gar nicht erst anging. Legendär der Auftritt Spahns beim Deutschen Apothekertag 2019, als er die Delegierten geradezu öffentlich erpresste.

Das schwierige Verhältnis zu Spahn wurde nur aufgrund der noch schlimmeren Zeit mit seinem Nachfolger Karl Lauterbach verklärt. Das wird erst jetzt unter der verlässlicheren Nina Warken deutlicher. Und ein Witz der Geschichte wäre es, wenn ausgerechnet sie Spahn jetzt an der Fraktionsspitze ersetzen würde.

Bis zum Wochenende galt Spahn als politischer Überlebenskünstler, ebenso als guter Netzwerker, harter Verhandler und fachlich versierter Politiker. Ein politisches Talent mit sehr großen Ambitionen. Jemand, der immer wieder bewusst polarisiert, bei dem man aber oft das Gefühl hatte, dass es ihm dabei mehr um Aufmerksamkeit als um die Sache geht. Spahn wirkt nicht integer. Spahn ist zuzutrauen, dass er sich – sollte die Merz-Regierung scheitern – mit den Stimmen der AfD zum Kanzler wählen lassen würde.

Der ehrgeizige Münsterländer war zuletzt nicht nur einer der mächtigsten Politiker in der Union, er war auch seit Jahren einer der umstrittensten. Seine Verfehlungen werden jetzt überall aufgezählt und hätten gefühlt für mehrere Rücktritte gereicht: die »Maskendeals«, die Aufträge an Firmen aus seinem Umfeld, das ominöse Spendendinner, eigene Beteiligungen an Agenturen, die in seinem politischen Wirkungsbereich agierten, der undurchsichtige Kredit für seine Villa, das Vorgehen gegen Journalisten.

Ausgerechnet ein Baby hat Spahns Karriere vorerst gestoppt. Er musste zurücktreten, weil er mit seinem Mann eine Familie gegründet hat, mit einer Leihmutter in den USA. Für viele in der Union war das offenbar der eine Schritt zu viel, wobei sich die Kritiker innerhalb der Christdemokraten in zwei Gruppen aufteilen.

Für die einen ist es die Tatsache an sich: Leihmutterschaft ist in Deutschland nicht zulässig, und die Union hat ihre Haltung dazu noch in diesem Jahr bekräftigt. Sie fühlen sich von Spahn hintergangen. Die andere Seite bemängelt Spahns Kommunikation samt rühriger Story in der Bild-Zeitung. Wenigstens beim Parteitag der Union im Februar hätte er eine Debatte über das Thema anstoßen müssen, so der Tenor. Glaubwürdigkeit ist in beiden Lagern Spahns größtes Problem – und das kommt nicht von ungefähr.

Das Thema ist so menschlich, dass jeder und vor allem jede dazu eine Meinung hat. Es wundert, dass Spahn bei seinem politischen Instinkt nicht gesehen haben soll, wie seine christlich-konservative Partei reagieren würde. Vielleicht hat sich der Privatmensch Spahn, und womöglich völlig unterbewusst, für die Familie und gegen die Karriere entschieden. Das wäre – wie auch immer man zum Thema Leihmutterschaft stehen mag – ein schönes Zeichen.

 

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