| Lukas Brockfeld |
| 02.11.2026 15:00 Uhr |
Generaloberstabsarzt Ralf Hoffmann betonte, dass ein resilientes Gesundheitssystem eine Grundvoraussetzung für die Verteidigung des Landes sei. / © KBV/Screenshot
Der Ukrainekrieg und die prekäre Sicherheitslage an der Nato-Ostflanke haben das Thema Verteidigung wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Wehrmedizinische Berater der Leitung des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) und Befehlshaber Zentraler Sanitätsdienst der Bundeswehr, Generaloberstabsarzt Ralf Hoffmann, haben daher am Montagmorgen zum zweiten Mal das Symposium »Gesundheitsversorgung in der Gesamtverteidigung« in Berlin veranstaltet.
»Gesundheitsvorsorge ist Daseinsvorsorge. Das bedeutet, dass wir die Gesundheitsversorgung so aufstellen müssen, dass sie bestmöglich auf den Krisenfall vorbereitet ist«, sagte Katja Kohfeld, Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit, in einem Grußwort zur Eröffnung des Symposiums. Ihr Ministerium tue das bereits mit Vorhaben wie der Krankenhausreform und dem Gesundheitssicherstellungsgesetz (GeSiG). Ohne Ärzte, Pflegekräfte, Apotheker und anderes Gesundheitspersonal werde das Gesundheitssystem in Krisenlagen nicht funktionieren. »Deshalb ist das aus unserer Sicht die kritischste Komponente, die wir zu beachten haben«, so die Staatssekretärin. Man plane daher unter anderem die Schulung von Hilfskräften und die Reaktivierung von Gesundheitspersonal im Ruhestand.
In einem weiteren Grußwort zeichnete Brigadegeneral David Markus ein Szenario, in dem Deutschland im Jahr 2029 Opfer eines hybriden Angriffs wird und die Bundeswehr gegen Russland kämpft. »Dabei stellen sich ganz praktische Fragen: Funktionieren die Verkehrswege? Kommen Nachschub und Verstärkung an? Bleiben Energieversorgung und Kommunikation stabil?«, sagte der General.
Vor allem müsse Deutschland in einem solchen Szenario zahlreiche Verwundete, Kriegsgefangene und Flüchtlinge versorgen. »Die Frage ist daher nicht nur, ob die Bundeswehr einsatzbereit ist. Sie lautet auch: Ist das Land hinter der Bundeswehr widerstandsfähig genug?«, so David Markus. Die Bundeswehr könne Deutschland nicht alleine verteidigen, sondern bräuchte dafür auch die Zivilgesellschaft. Ein Krieg mit Russland könnte im schlimmsten Fall Jahre dauern. Dafür müsse man vorbereitet sein.
Auch der niedersächsische Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) betonte auf dem Symposium, dass die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands von seinen zivilen Strukturen, insbesondere dem Gesundheitswesen, abhänge. Deutschland nehme im Verteidigungsfall eine besondere Rolle als Drehscheibe der Nato ein und müsse nicht nur die eigenen Verwundeten versorgen. »Wir müssen die Durchhaltefähigkeit des Gesundheitswesens stärken. Wir brauchen resiliente Liefer- und Versorgungsketten für Arzneimittel und Medizinprodukte. Wir müssen die personelle Resilienz im Gesundheitswesen sichern. Außerdem brauchen wir belastbare Führungs- und Koordinierungsstrukturen zwischen Bund, Ländern und Kommunen«, erklärte der Minister.
Giulio Gullotta, Leiter der Abteilung Zivilschutzausstattung, Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, berichtete, dass Warnungen vor einem möglichen Krieg jahrzehntelang belächelt wurden. Doch inzwischen habe sich die Mentalität geändert. Als Beispiel nannte er auch das von der ABDA herausgegebene Papier »Resiliente Gesundheitsversorgung durch Apotheken«. »Mir ist kein Aufschrei bekannt, in dem die Leute gesagt hätten, dass das Kriegstreiber seien. Im Gegenteil, wir sind im Diskurs weitergekommen«, lobte Gullotta.
In einem Impulsvortrag erklärte Generaloberstabsarzt Ralf Hoffmann, dass Deutschland bisher von Krisenszenarien ausgegangen sei, die nur wenige Tage anhalten. Doch im Verteidigungsfall müsse man potenziell von Jahren ausgehen. »Gesundheitsversorgung ist in diesem Fall keine Randaufgabe, sondern Grundvoraussetzung dafür, dass wir verteidigungsfähig sind«, betonte der Arzt. Gleichzeitig müsse im Verteidigungsfall weiterhin die alltägliche Gesundheitsversorgung der Zivilbevölkerung gesichert werden.
Der Ukrainekrieg habe gezeigt, dass Russland auch Gesundheitseinrichtungen und Infrastruktur angreift. Ein Krieg würde zu Energielücken, Arzneimittelengpässen und einem stark gestiegenen Rehabilitationsbedarf führen. Außerdem müsse Deutschland auch Verwundete aus verbündeten Staaten versorgen. »Am Ende wird es darauf hinauslaufen, dass wir mehr Patienten und weniger Personal haben werden. Und wir werden eine Durchhaltefähigkeit für Monate oder Jahre benötigen. Das muss geplant werden«, mahnte der Generaloberstabsarzt.
Hoffmann erklärte, dass die Bundeswehr aktuell an einem militärischen Lagebild mit Blick auf die Gesundheitsversorgung arbeite. »Am Ende wird es darauf ankommen, das zivile und das militärische Lagebild übereinanderzulegen, um zu einem Gesamtbild zu kommen«, sagte der Generaloberstabsarzt. Die Nato habe unlängst ihre Erwartung an die Gesundheitsversorgung formuliert. »Es wurden Themen wie die robuste Bevorratung von Arzneimitteln und Medizinprodukten angesprochen. Uns wurde der klare Auftrag erteilt, gemeinsam mit der zivilen Seite Personal auszubilden und Übungen durchzuführen«, erklärte der Mediziner und versprach, dass die Bundeswehr alles Notwendige tun werde.
Der stellvertretende Bundesvorsitzende der KBV, Stephan Hofmeister, betonte, dass die etwa 100.000 Arztpraxen aktuell den Großteil der medizinischen Versorgung stemmen und etwa eine Milliarde Patientenkontakte im Jahr haben. Doch schon im Frieden sorgten TI-Ausfälle oder Lieferengpässe regelmäßig für Probleme. »Schon im Frieden fällt die TI regelmäßig aus. Man mag sich gar nicht vorstellen, was passiert, wenn die mal richtig ausgeschaltet wird«, warnte der KBV-Vize.
Die Ärzteschaft könnte im Verteidigungsfall Menschen, Know-how sowie eine leistungsfähige und dezentrale Praxeninfrastruktur einbringen. »Wir haben von den Praxen erfahren, dass sie sich schlecht vorbereitet fühlen. Gleichzeitig gibt es eine ungeheure Bereitschaft, sich einzubringen. Alle wollen mitmachen, das macht mir Mut«, sagte Stephan Hofmeister. Alle Akteure im Gesundheitssystem seien sich der ernsten Lage bewusst. Jetzt fehlten noch klare gesetzliche Grundlagen und eine geregelte Finanzierung.
Zur Rolle der Apotheken im Ernstfall sprach auch Oberstapotheker Bernd Klaubert mit PZ-Chefredakteur Alexander Müller in der neuen Folge von Alex’ Doppelte Dosis.