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Corona-Impfstrategie

Boostern oder nicht?

Der Absturz des Immunschutzes während der Omikron-Welle

Der Absturz des Immunschutzes während der Omikron-Welle

Nachdem jedoch Omikron mit seinen Subvarianten das Infektionsgeschehen in den entwickelten Ländern zu dominieren begannen, sank der Schutz vor Infektionen durch Impfungen und Auffrischungsimpfungen generell auf etwa 30 bis 40 Prozent der ursprünglichen Werte. Diese Enttäuschung führte zu einer merklichen Ernüchterung und einer nachlassenden Begeisterung für Auffrischungsimpfungen, ganz besonders auch in den USA, so Topol. Hinzu kommt, dass viele bei jeder Impfung die deutliche Reaktogenität der mRNA-Impfstoffe als äußerst unangenehm wahrnehmen.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass selbst die neuen bivalenten, an die BA.1- beziehungsweise BA.4/BA.5-Varianten angepassten Booster-Impfstoffe nicht von jedem enthusiastisch aufgenommen werden.

Auch unter Experten herrscht keineswegs eine einheitliche Meinung. Dazu tragen auch die Umstände der Zulassung der Impfstoffe bei. Diese fußt im Fall des bivalenten BA.4/BA.5-adaptierten Auffrischungsimpfstoffs auf drei Datensätzen: einem zum bivalenten BA.1-Impfstoff, einem zum bivalenten Impfstoff gegen die Beta-Variante, der jedoch nicht bis zur Zulassung entwickelt wurde, und einem zu BA.4/BA.5-Impfstoffstudien an Mäusen.

Die Daten zum bivalenten Moderna-BA.1-Booster wurden erst kürzlich publiziert. Sie zeigen in etwa eine Verdopplung der Titer an neutralisierenden Antikörpern gegen BA.1 im Vergleich zu einem Booster mit dem ursprünglichen Impfstoff. Das ist gut, aber nicht berauschend, und es bleibt die Frage offen, ob der bivalente BA.4/BA.5-Impfstoff ähnlich gut abschneiden wird.

Sowohl die klinischen Daten aus dieser Studie als auch die Daten, die an Mäusen erhoben wurden, lassen einen beunruhigenden Trend erkennen. Danach werden viel weniger effektive Antikörper gegen Omikron induziert als gegen das Wildtyp-Virus. Das gilt sowohl für den an BA.1 angepassten bivalenten Impfstoff der Firmen Biontech/Pfizer als auch für den entsprechenden Impfstoff der Firma Moderna.

Mögliche Gründe für das schlechte Abschneiden

Hierfür gibt es zwei mögliche Erklärungen: Entweder die Omikron-Varianten sind weniger immunogen. Oder es findet bei der Induktion eines Immunschutzes gegen SARS-CoV-2 tatsächlich eine relevante immunologische Prägung statt, wie dies seit einiger Zeit intensiv diskutiert wird. Darunter versteht man die Eigenschaft des Immunsystems, auf ein neues Antigen nur mäßig zu reagieren, weil sich durch eine Erstexposition mit einem SARS-CoV-2-Antigen bereits eine dominante Immunantwort etabliert hat.

Vielleicht ist die mäßige Immuninduktion durch die angepassten Impfstoffe auch eine Kombination aus Immunflucht der Omikron-Varianten und einer immunologischen Prägung. Dass tatsächlich die Zahl der neutralisierenden Antikörper nach einer Booster-Impfung mit dem angepassten Impfstoff hinter den erwarteten Werten zurückbleibt, ist in jedem Fall enttäuschend, zumal der Titer an neutralisierenden Antikörpern als Surrogat für den Schutz vor schweren Krankheitsverläufen gilt, so Topols Resümee.

Zudem werden die Bedenken hinsichtlich der Relevanz einer immunologischen Prägung auch noch aktuell durch einen Preprint einer chinesischen Arbeitsgruppe um Professor Dr. Yunlong Cao vom Biomedical Pioneering Innovation Center (BIOPIC) an der Universität Peking bekräftigt. Diese Autoren fanden bei BA.5-Durchbruchinfektionen eine signifikante Verringerung der Vielfalt neutralisierender Antikörper-Epitope und eine Zunahme nicht neutralisierender Antikörper. Ähnlich verhielt es sich mit BA.4/BA.5-spezifischen Impfstoff-Boostern.

Mit Spannung werden daher die klinischen Daten erwartet, die nach einer Booster-Impfung mit einem an BA.4/BA.5 angepassten Impfstoff erhalten werden.

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