| Theo Dingermann |
| 14.09.2026 14:00 Uhr |
Topol zieht eine Parallele zu Ziltivekimab, einem gegen IL-6 gerichteten monoklonalen Antikörper, den Novo Nordisk in der ZEUS-Studie untersucht hat. An der doppelblinden, placebokontrollierten Studie nahmen mehr als 6300 Personen mit atherosklerotischer Herz-Kreislauf-Erkrankung (ASCVD), chronischer Nierenerkrankung (CKD) und Entzündungen teil. In der Studie wurde untersucht, ob eine Entzündungshemmung durch die Inhibition des IL-6-Signalwegs das Risiko für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse (MACE) wie kardiovaskulärer Tod, Herzinfarkt oder Schlaganfall senkt.
Wie Novo Nordisk kürzlich in einer Pressemitteilung verlauten ließ, führte die Gabe von Ziltivekimab zwar zur erwarteten Senkungen des freien IL-6 beziehungsweise des Entzündungsmarkers hochsensitives C-reaktives Protein (hsCRP). Dies führte allerdings bei Patienten mit ASCVD, CKD und Entzündungen nicht zu einer Verringerung des Risikos für MACE im Vergleich zu Placebo (Hazard Ratio 0,99).
Auch dieses negative Ergebnis stellt die Bedeutung von Entzündungsprozessen für die Atherosklerose nicht grundsätzlich infrage. Histopathologische und klinische Befunde zeigen seit Langem, dass Entzündungsreaktionen an Entstehung, Progression und insbesondere Ruptur atherosklerotischer Plaques beteiligt sind.
Fraglich ist vielmehr, ob systemische Entzündungsmarker wie hsCRP oder IL-6 ausreichend anzeigen, was das relevante Entzündungsgeschehen in den Koronararterien betrifft. In diesem Zusammenhang verweist Topol auf Daten, nach denen hsCRP nur schwach mit bildgebend gemessener koronarer Entzündung korreliert. Im ZEUS-Programm wurden Patienten zudem teilweise aufgrund erhöhter Entzündungsmarker eingeschlossen, obwohl insbesondere bei chronischer Nierenerkrankung solche Werte auch unabhängig von einer Entzündung der Koronararterien erhöht sein können.
Beide Studien liefern damit vor allem eine methodische Lehre: Ein plausibler Risikofaktor und dessen pharmakologische Beeinflussung sind noch kein Beweis für einen klinischen Nutzen. Die Geschichte der Kardiologie kennt vergleichbare Beispiele, etwa die pharmakologische Erhöhung des HDL-Cholesterols. Surrogatmarker können für Pathophysiologie und Patientenselektion wertvoll sein, müssen aber in randomisierten Endpunktstudien zeigen, dass ihre Veränderung tatsächlich Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Todesfälle verhindert.
Für die Arzneimittelentwicklung dürfte dies Konsequenzen haben. Nach Jahren neuer Investitionen in kardiovaskuläre Targets könnten die Fehlschläge die Bereitschaft verringern, milliardenschwere und langjährige Outcome-Studien zu finanzieren. Zugleich bleibt das medizinische Problem bestehen: Selbst unter konsequenter LDL-Senkung, Blutdruckkontrolle und antithrombotischer Therapie erleiden Patienten weiterhin kardiovaskuläre Ereignisse.
Die Suche nach behandelbaren Ursachen dieses Restrisikos wird daher weitergehen – allerdings mit höheren Anforderungen an Targets, Biomarker und die Auswahl der Patienten.