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Glücksrezepte

18.12.2012
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Von Ulrike Viegener / Eckart von Hirschhausen, der omnipräsente Glücksvermarkter, trägt seinen weißen Kittel nicht ohne Grund zur Schau, und seine Rechnung ist aufgegangen: Millionen von Menschen lesen seine Ratgeber. Was aber kann die Medizin wirklich zum Glück beitragen?

20 Millionen Menschen in den USA sollen Prozac nehmen und können sich ein Leben ohne die stimmungsaufhellende Droge gar nicht mehr vorstellen. Dabei sind die meisten von ihnen keineswegs depressiv, nein, sie wollen einfach ein bisschen glücklicher sein. Viele Menschen heutzutage halten Glück für eine Ware, die man konsumieren kann. Glück auf Rezept sozusagen. Aber dieser Wunsch wird wohl ein Wunschtraum bleiben.

Denn Glück kommt von innen – darüber sind sich alle einig, die sich je ernsthaft zum Thema geäußert haben. Dieser Erkenntnis zum Trotz sind die meisten Menschen davon überzeugt, dass ihr Glück von äußeren Lebensumständen abhängig ist: Gesundheit, eine harmonische Familie, gute Freunde, ein interessanter Job, finanzielle Sicherheit und so weiter. In der Tat sind diese Aspekte Quellen, aus denen sich persönliches Glück speisen kann, Garanten fürs Glücklichsein sind diese äußeren Umstände aber nicht.

 

Talent zum Schicksal

 

Lottomillionäre sind keine glücklicheren Menschen, das ist erwiesen. Im Gegenteil: Manch einem hat der Geldregen aus heiterem Himmel sogar letztlich Unglück gebracht, weil er nicht wusste, wie er mit so viel Glück von oben umgehen sollte. Andererseits gibt es Menschen, die mit Schicksalsschlägen – etwa einer schweren Krankheit – fertig werden müssen und trotzdem glücklich sind. Glücklicher vielleicht als jemand, der äußerlich unbeschwert ist, aber das Glück nicht greifen kann. So ist denn auch für den Philosophen Wilhelm Schmid Glück nichts anderes als »Talent zum Schicksal«.

 

»Nicht die Umstände bestimmen des Menschen Glück, sondern seine Fähigkeit zur Bewältigung der Umstände.« So hat es Aaron Antonovsky formuliert. Antonovsky ist ein israelischer Medizinsoziologe, der sich die Frage gestellt hat: Welche inneren Ressourcen machen es Menschen möglich, trotz schwieriger oder sogar traumatischer Lebensereignisse gesund zu bleiben oder wieder zu gesunden?

 

Dieser Ansatz war zur damaligen Zeit – in den sechziger Jahren – völlig neu und ist es bis heute für viele Mediziner geblieben.

 

Kohärenz und Resilienz

 

Die klassische Schulmedizin denkt genau andersherum: Sie fokussiert auf Krankheit und Krankheitsursachen (Pathogenese), Antonovsky dagegen fokussiert auf Gesundheit und Selbstheilungskraft (Salutogenese). Er fand heraus, dass das Phänomen der Kohärenz eine wichtige Rolle spielt: Wer ein Gefühl von Stimmigkeit in sich und mit anderen verspürt, ist besser für widrige Lebensumstände gewappnet. In jüngerer Zeit wurde in diesem Zusammenhang der Begriff der Resilienz geprägt. Er beschreibt die Fähigkeit, nach Schicksalsschlägen wieder aufzustehen. Die Überzeugung, das eigene Leben beeinflussen zu können, die Fähigkeit, um Hilfe zu bitten sowie Humor sind einige Eigenschaften, die diese Steh-auf-Männchen-Mentalität begünstigen. Kohärenz und Resilienz sind für die Bewältigung von Krankheiten wichtig, und möglicherweise können solche psychischen Phänomene auch auf den physischen Gesundungsprozess Einfluss nehmen – dafür gibt es mehr und mehr Hinwiese aus verschiedenen Forschungsdisziplinen wie Psycho- neuroimmunologie und Mind-Body-Medizin.

Wenn jemand schwer und vielleicht unheilbar erkrankt, wird das persönliche Glück auf eine harte Probe gestellt. Nicht selten lässt die Krankheit noch andere Risse im Leben sichtbar werden, sodass die Betroffenen vor einem riesigen Scherbenhaufen stehen. Und gleichzeitig muss auch noch der Alltag bewältigt werden. In dieser dramatischen Situation werden Menschen von der Schulmedizin meist allein gelassen. Die Schulmedizin kümmert sich zwar um die organische Erkrankung, den Menschen in seiner Not jedoch hat sie nicht auf dem Schirm. Der aber braucht Unterstützung – das zeigt der Zulauf zu alternativen »ganzheitlichen« Heilern ebenso wie die riesigen Auflagen, in denen Lebenshilfe-Ratgeber ihre Abnehmer finden.

 

Mind-Body-Medizin

 

In der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin in Essen will man es anders machen und bietet diese Hilfe zum Leben an: Hier werden schulmedizinische und naturheilkundliche Verfahren kombiniert, und als dritte Säule des integrativen Behandlungskonzepts kommt die Mind-Body-Medizin (MBM) hinzu, die über das Zusammenspiel von Geist und Körper interveniert. Alle in Essen angewendeten Verfahren müssen ihre Wirksamkeit in wissenschaftlich sauberen Studien dokumentiert haben – und da stehen viele von der Schulmedizin belächelte bis angefeindete Methoden keineswegs schlecht dar. Man will es kaum glauben: Es konnte beispielsweise per Angiogramm dokumentiert werden, dass sich unter regelmäßigem mentalem Training arteriosklerotische Gefäßwandverdickungen zurückbilden. Auch ließ sich ein Einfluss auf die Expression krankheitsrelevanter Gene nachweisen. Die inzwischen zahlreichen Mind-Body-Studien sind in renommierten Fachjournalen wie dem American Heart Journal publiziert.

 

Die Mind-Body-Medizin hat ihren Ursprung in den USA. Sie agiert auf der geistigen Ebene in der Absicht, vorhandene Ressourcen für die mentale Krankheitsbewältigung verfügbar zu machen und eventuell auch auf den somatischen Gesundungsprozess Einfluss zu nehmen. Behandelt werden in der Klinik für Integrative Medizin vor allem Patienten mit Krebs und anderen chronischen Erkrankungen. Oft handelt es sich um »Drehtürpatienten«, wie Klinikleiter Professor Dr. Gustav Dobos sagt – Patienten, die eine Odyssee hinter sich haben und immer tiefer in die Spirale aus Krankheit, Schmerz und Resignation hineingeraten sind.

 

In der Essener Klinik – einem Modellprojekt – werden die Patienten in verschiedenen mentalen Techniken angeleitet. Yoga, Qigong und Meditation sind solche Methoden, aber auch kognitive Umstrukturierung, bei der es darum geht, negative Grundhaltungen aufzuspüren und diese möglichst durch konstruktive Sichtweisen zu ersetzen. Das hat nichts mit den heute gerne propagierten oberflächlichen Positiv-Denk-Parolen zu tun. Vielmehr geht es darum, tief sitzende zerstörerische Denkmuster zu durchbrechen und so den Weg dafür frei zu machen, dass Hoffung und Zufriedenheit – vielleicht sogar Glück – trotz der schweren Erkrankung wachsen können. Parallel gehen oft chronische Schmerzen zurück, und Medikamente können reduziert werden.

 

Geschenkt wird den Patienten in Essen nichts. Der Vorstoß zu den inneren Quellen ist oft harte Arbeit und erfordert Disziplin. Dabei gibt es kein Patentrezept. Es werden Angebote gemacht, das Ende ist immer offen. Soviel aber steht fest: Fast alle Patienten machen die Erfahrung, dass sie am Ende gewonnen haben. Vielleicht hetzen sie in Zukunft nicht mehr so durchs Leben, vielleicht gelingt es ihnen besser als früher, sich an kleinen Dingen zu freuen, vielleicht haben sie für sich eine spirituelle Dimension entdeckt – das ist individuell ganz unterschiedlich.

 

Oft jedenfalls ist die Krise eine Chance, das erlebt Anna Paul immer wieder, die gemeinsam mit Gustav Dobos die Essener Klink leitet und für die Mind-Body-Medizin zuständig ist. Ein Trauma ist eine Chance, die auf einem gefährlichen Wind reitet, sagt ein fernöstliches Sprichwort, und Berthold Brecht sagt nichts anderes in einem seiner Gedichte: »Wenn ich mit dem Nichts verkehre, weiß ich wieder, was ich soll.« Man weiß es nicht unmittelbar, aber das erzwungene Innehalten und der Zusammenbruch des bisher gelebten Lebens bieten die Chance, es herauszufinden. Die meisten Menschen allerdings schaffen das nicht allein.

 

Lehrfach Glück

 

Dobos ist deshalb sehr dafür engagiert, möglichst viele im Gesundheitswesen Tätige mit dem Konzept der Mind-Body-Medizin zu »infizieren«. Nicht nur bei seinen Patienten, auch bei vielen Studenten beobachtet er einen zunehmenden Unmut gegenüber dem aktuellen Medizinbetrieb. Die einseitige Fokussierung auf somatische Aspekte ist ein Heilkonzept, das dem kranken Menschen, der gesund werden will, nicht gerecht wird. In Heidelberg gibt es eine berufsbildende Schule, an der seit einigen Jahren Glück als Schulfach auf dem Stundenplan steht – eine Initiative des Schulleiters, die inzwischen Schule gemacht hat. Vielleicht sollte man mal darüber nachdenken, ein analoges Lehrfach auch für Heilberufler einzuführen. /

Buchtipps

Seneca: Handbuch des glücklichen Lebens, Anaconda Köln 2011, ISBN: 978-3866476868

 

Wilhelm Schmid: Glück: Alles was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist, Insel Berlin 2007, ISBN: 978-3458173731

 

Matthieu Ricard: Glück, Nymphenburger München 2007, ISBN: 978-3485011167

 

Verena Kast: Der schöpferische Sprung: Vom therapeutischen Umgang mit Krisen, Patmos Ostfildern 2011, ISBN: 978-3843601924

 

Gustav Dobos, Anna Paul: Mind-Body-Medizin, Urban & Fischer 2011, ISBN: 978-3437579301

 

Glück: Die schönsten Zitate von Antoine de Saint-Exupéry, ars Edition München 2011, ISBN: 978-3760768281

 

Andreas Kumpf: Glück im Alter: Zu Besuch bei 21 glücklichen Menschen im Alter von 65 bis 95 Jahren, Pustet Salzburg 2012, ISBN: 978-3702506681

 

Ernst Fritz-Schubert: Schulfach Glück, Herder Freiburg 2008, ISBN: 978-3451298493

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