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Arzneimittelzulassung

Drei Empfehlungen ausgesprochen

18.12.2012
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Von Sven Siebenand / Drei neue Wirkstoffe stehen kurz vor der Marktzulassung in Europa. Der Ausschuss für Humanarzneimittel der europäischen Arzneimittelagentur EMA hat der EU-Kommission empfohlen, die Substanzen Loxapin, Pertuzumab und Nalmefen zuzulassen. In der Regel folgt die Kommission diesen Vorschlägen.

Das Psychopharmakon Loxapin (Adasuve®, Alexza) soll zur schnellen Kontrolle von milder bis moderater Agitiertheit bei Erwachsenen mit Schizophrenie oder bipolarer Störung zur Anwendung kommen. Untersuchungen zeigten, dass sich schon zehn Minuten nach der ersten Dosis von entweder 4,5 oder 9,1 mg Loxapin eine verminderte Agitiertheit bei Betroffenen zu beobachten war. Einige von ihnen benötigten jedoch nach zwei Stunden eine zweite Gabe des Psychopharmakons, um einen ausreichenden Effekt zu erzielen.

Das zu inhalierende Mittel wirkt über den Antagonismus an dopaminergen D2-Rezeptoren und serotonergen 5-HT2A-Rezeptoren. Nachdem die akuten Symptome der Agitiertheit behandelt sind, sollen die Patienten sofort auch ihre Standardtherapie wieder bekommen. Die EMA weist darauf hin, dass Loxapin nur im Krankenhaus unter ärztlicher Kontrolle verabreicht werden darf. Kurz wirksame Beta-Agonisten zur Bronchodilatation sollten für das mögliche Auftreten von schweren Bronchospasmen nach der Inhalation von Loxapin schnell verfügbar sein. Die häufigsten Nebenwirkungen von Lox­apin waren Geschmacksstörungen (Dysgeusie), Schwindel sowie Sedierung und Somnolenz.

 

Neuer Partner für Herceptin

 

Das EMA-Gremium hat sich auch dafür ausgesprochen, den monoklonalen Antikörper Pertuzumab (Perjeta®, Roche) für die Brustkrebstherapie zuzulassen. In den USA ist der Wirkstoff bereits seit Juni zugelassen. Pertuzumab soll – in Kombination mit Trastuzumab (Herceptin®) und Docetaxel – bei metastasiertem oder lokal rezidiviertem nicht resektablem HER2-positivem Brustkrebs zum Einsatz kommen.

 

Die HER-Dimerisierung spielt bei der Entstehung und beim Wachstum verschiedener Krebsarten eine wichtige Rolle. Pertuzumab ist ein sogenannter HER2-Dimerisierungshemmer. Der Antikörper bindet gezielt an die extra­zelluläre Subdomäne II des HER2- Rezeptors. Er soll so verhindern, dass sich der HER2-Rezeptor mit anderen HER-Rezeptoren, etwa EGFR/HER1, HER3 oder HER4, verbindet. Auf diese Weise blockiert der Antikörper die Weiterleitung von Zellsignalen, was schließlich zur Hemmung des Krebszellwachstums oder zum Absterben der Krebszelle führen kann. Die Bindung von Pertuzumab an HER2 kann darüber hinaus dem Immunsystem signalisieren, dass es die Krebszellen zerstören soll. Studien zeigen, dass die Wirkmechanismen von Pertuzumab und Trastuzumab einander ergänzen, da beide Medikamente an den HER2-Rezeptor binden, jedoch an verschiedenen Regionen des Rezeptors. Hersteller Roche schreibt in einer Pressemitteilung, dass die Kombination beider Substanzen eine umfassende Blockade der für die Tumorentstehung verantwortlichen HER2-Signalwege ermögliche.

 

In placebokontrollierten Studien konnte die zusätzliche Behandlung mit Pertuzumab das progressionsfreie Überleben und das Gesamtüberleben der Patientinnen verlängern. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Durchfall, Alopezie, Leukopenie und (febrile) Neutropenie.

 

Comeback von Nalmefen

 

Voraussichtlich wird demnächst auch der Wirkstoff Nalmefen (Selincro®, Lundbeck) auf den Markt zurückkehren – als Mittel zur Behandlung der Alkoholkrankheit. Früher war es bereits als Antidot bei Opiatüberdosierung im Handel. Anders als die verwandte Substanz Naltrexon ist Nalmefen nicht für die Unterstützung der Abstinenz bei Alkoholabhängigkeit gedacht. Vielmehr soll es erwachsenen Alkoholabhängigen helfen, ihren Alkoholkonsum zu reduzieren. In einer Pressemitteilung schreibt der Hersteller, dass der Wirkstoff für Männer und Frauen, die mehr als 60 beziehungsweise 40 g Alkohol pro Tag aufnehmen, infrage kommt. Sie sollen das Präparat nicht regelmäßig, sondern als Bedarfsmedikation einnehmen. Ein bis zwei Stunden bevor der Patient voraussichtlich zur Flasche greifen wird, soll er dann eine Tablette schlucken. Der Arzt soll Nalmefen gemäß dem EMA-Gremium nur dann verschreiben dürfen, wenn keine körperlichen Entzugssymptome vorliegen und keine Entgiftung vorgesehen ist. Zudem sprechen sich die Experten dafür aus, dass das Medikament nur parallel zu einer psychosozialen Betreuung verschrieben werden darf und dies nur bei Betroffenen, die zwei Wochen nach einer Erstuntersuchung noch immer einen hohen Alkoholkonsum haben.

 

Wie wirkt Nalmefen? Der Genuss von Alkohol führt im mesolimbischen System zur Dopaminfreisetzung, die Lust auf mehr (Alkohol) macht. Die Dopaminausschüttung wird dabei durch die Freisetzung von Endorphinen erleichtert. Nalmefen soll diesem Effekt entgegenwirken und damit den Alkoholkonsum reduzieren, wahrscheinlich in dem es modulierend im cortico- mesolimbischen System eingreift. Die Substanz ist ein Opioidrezeptor-Ligand. An µ- und δ-Rezeptoren wirkt es antagonistisch, an κ-Rezeptoren hat es eine partiell agonis­tische Aktivität.

 

In Studien mit insgesamt circa 2000 Patienten, die vor der Studie umgerechnet circa 1,5 Flaschen Wein tranken, ließ sich zeigen, dass dank Nalmefen der Alkoholkonsum nach einem Monat um etwa 40 Prozent, nach sechs beziehungsweise zwölf Monaten um 60 Prozent reduziert werden konnte – umgerechnet also fast eine ganze Flasche weniger. Zu den häufigsten Nebenwirkungen von Nalmefen zählen Übelkeit und Schwindel.

 

Nach erfolgter Zulassung will Lundbeck das Präparat Mitte 2013 in Europa auf den Markt bringen. /

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